II-II, q. 83 a. 2
Ob es geziemend ist zu beten?
Quaestio 83 · Vom Gebet
Einwand 1: Es scheint, dass es ungeziemend ist zu beten. Das Gebet scheint notwendig zu sein, damit wir unsere Bedürfnisse der Person bekannt machen, zu der wir beten. Aber gemäß Mt 6,32 „weiß euer Vater, dass ihr all dieser Dinge bedürft“. Deshalb ist es nicht geziemend, zu Gott zu beten.
Einwand 2: Ferner beugen wir durch das Gebet den Sinn der Person, zu der wir beten, damit sie tue, was von ihr erbeten wird. Aber Gottes Sinn ist unveränderlich und unbeugsam, gemäß 1 Sam 15,29: „Aber der Triumphator in Israel wird nicht schonen und wird nicht zur Reue bewegt werden.“ Deshalb ist es nicht passend, dass wir zu Gott beten sollten.
Einwand 3: Ferner ist es freigebiger, dem zu geben, der nicht bittet, als dem, der bittet, denn gemäß Seneca (De Benefic. ii, 1) „wird nichts teurer erkauft als das, was mit Bitten erkauft wird“. Aber Gott ist im höchsten Maße freigebig. Deshalb scheint es ungeziemend, zu Gott zu beten.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Lk 18,1): „Man muss allezeit beten und nicht nachlassen.“
Ich antworte darauf, dass es unter den Alten einen dreifachen Irrtum bezüglich des Gebets gab. Einige vertraten die Meinung, dass die menschlichen Angelegenheiten nicht von der göttlichen Vorsehung gelenkt würden; woraus folgen würde, dass es nutzlos sei, zu beten und Gott überhaupt zu verehren: von diesen steht geschrieben (Mal 3,14): „Ihr habt gesagt: Vergeblich müht sich, wer Gott dient.“ Eine andere Meinung besagte, dass alle Dinge, selbst in menschlichen Angelegenheiten, aus Notwendigkeit geschehen, sei es aufgrund der Unveränderlichkeit der göttlichen Vorsehung oder durch den zwingenden Einfluss der Sterne oder aufgrund der Verkettung der Ursachen: und diese Meinung schloss ebenfalls den Nutzen des Gebets aus. Es gab eine dritte Meinung derer, die vertraten, dass die menschlichen Angelegenheiten zwar von der göttlichen Vorsehung gelenkt würden und dass sie nicht aus Notwendigkeit geschähen; doch hielten sie die Anordnung der göttlichen Vorsehung für veränderlich und meinten, dass sie durch Gebete und andere Dinge, die zur Verehrung Gottes gehören, geändert werde. Alle diese Meinungen wurden widerlegt in der FP, Frage [19], Artikel [7],8; FP, Frage [22], Artikel [2],4; FP, Frage [115], Artikel [6]; FP, Frage [116]. Daher geziemt es uns, den Nutzen des Gebets so zu erklären, dass wir weder den menschlichen Angelegenheiten, die der göttlichen Vorsehung unterworfen sind, Notwendigkeit auferlegen, noch Veränderlichkeit aufseiten der göttlichen Anordnung implizieren.
Um Licht auf diese Frage zu werfen, müssen wir bedenken, dass die göttliche Vorsehung nicht nur anordnet, welche Wirkungen stattfinden sollen, sondern auch, aus welchen Ursachen und in welcher Ordnung diese Wirkungen hervorgehen sollen. Nun sind unter anderen Ursachen menschliche Handlungen die Ursachen gewisser Wirkungen. Daher muss es sein, dass Menschen gewisse Handlungen vollziehen, nicht damit sie dadurch die göttliche Anordnung ändern, sondern damit sie durch diese Handlungen gewisse Wirkungen gemäß der Ordnung der göttlichen Anordnung erreichen: und dasselbe ist in Bezug auf natürliche Ursachen zu sagen. Und so verhält es sich auch mit dem Gebet. Denn wir beten nicht, damit wir die göttliche Anordnung ändern, sondern damit wir das erlangen, was Gott angeordnet hat, dass es durch unsere Gebete erfüllt werde, mit anderen Worten, „dass die Menschen durch Bitten verdienen zu empfangen, was der allmächtige Gott von Ewigkeit her zu geben angeordnet hat“, wie Gregor sagt (Dial. i, 8).
Antwort auf Einwand 1: Wir müssen zu Gott beten, nicht um Ihm unsere Bedürfnisse oder Wünsche bekannt zu machen, sondern damit wir selbst an die Notwendigkeit erinnert werden, in diesen Dingen Zuflucht zu Gottes Hilfe zu nehmen.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben dargelegt, ist unser Motiv beim Beten nicht, dass wir die göttliche Anordnung ändern, sondern dass wir durch unsere Gebete das erlangen, was Gott bestimmt hat.
Antwort auf Einwand 3: Gott schenkt uns viele Dinge aus Seiner Freigebigkeit, sogar ohne dass wir darum bitten: aber dass Er uns gewisse Dinge auf unser Bitten hin schenken will, geschieht um unseres Besten willen, nämlich damit wir Vertrauen darin erwerben, Zuflucht zu Gott zu nehmen, und damit wir in Ihm den Urheber unserer Güter erkennen. Daher sagt Chrysostomus [*Implizit [Hom. ii, de Orat.: Hom. xxx in Genes.]; Vgl. Caten. Aur. zu Lk 18]: „Bedenke, welches Glück dir gewährt ist, welche Ehre dir zuteilwird, wenn du im Gebet mit Gott verkehrst, wenn du mit Christus sprichst, wenn du bittest, was du willst, was immer du begehrst.“