II-II, q. 83 a. 10
Ob das Gebet dem vernunftbegabten Geschöpf eigentümlich ist?
Quaestio 83 · Vom Gebet
Einwand 1: Es scheint, dass das Gebet dem vernunftbegabten Geschöpf nicht eigentümlich ist. Bitten und Empfangen gehören anscheinend zum selben Subjekt. Aber Empfangen kommt auch unerschaffenen Personen zu, nämlich dem Sohn und dem Heiligen Geist. Deshalb kommt es ihnen zu, zu beten: denn der Sohn sagte (Joh 14,16): „Ich werde Meinen [Vulg.: ‚den‘] Vater bitten“, und der Apostel sagt vom Heiligen Geist (Röm 8,26): „Der Geist … bittet für uns.“
Einwand 2: Engel stehen über vernunftbegabten Geschöpfen, da sie intellektuelle Substanzen sind. Nun kommt das Gebet den Engeln zu, weshalb wir in Ps 96,7 lesen: „Betet Ihn an, alle ihr Seine Engel.“ Deshalb ist das Gebet dem vernunftbegabten Geschöpf nicht eigentümlich.
Einwand 3: Ferner ist dasselbe Subjekt geeignet zu beten, das geeignet ist, Gott anzurufen, da dies hauptsächlich im Gebet besteht. Aber stumme Tiere sind geeignet, Gott anzurufen, gemäß Ps 146,9: „Der dem Vieh seine Speise gibt und den jungen Raben, die Ihn anrufen.“ Deshalb ist das Gebet den vernunftbegabten Geschöpfen nicht eigentümlich.
Dagegen spricht, dass das Gebet ein Akt der Vernunft ist, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Aber das vernunftbegabte Geschöpf wird so genannt von seiner Vernunft. Deshalb ist das Gebet dem vernunftbegabten Geschöpf eigentümlich.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1]), das Gebet ein Akt der Vernunft ist und darin besteht, einen Übergeordneten anzuflehen; so wie der Befehl ein Akt der Vernunft ist, wodurch ein Untergebener auf etwas hingewiesen wird. Dementsprechend kommt das Gebet eigentlich dem zu, dem es zukommt, Vernunft zu haben, und einen Übergeordneten, den er anflehen kann. Nun ist nichts über den göttlichen Personen; und stumme Tiere sind ohne Vernunft. Deshalb ist das Gebet sowohl den göttlichen Personen als auch den stummen Tieren unpassend, und es ist dem vernunftbegabten Geschöpf eigentümlich.
Antwort auf Einwand 1: Empfangen gehört zu den göttlichen Personen hinsichtlich ihrer Natur, wohingegen Beten zu dem gehört, der durch Gnade empfängt. Vom Sohn wird gesagt, er bitte oder bete hinsichtlich Seiner angenommenen, d. h. Seiner menschlichen Natur und nicht hinsichtlich Seiner Gottheit: und vom Heiligen Geist wird gesagt, er bitte, weil Er uns bitten macht.
Antwort auf Einwand 2: Wie in der FP, Frage [79], Artikel [8] dargelegt, sind Intellekt und Vernunft in uns keine verschiedenen Kräfte: aber sie unterscheiden sich wie das Vollkommene vom Unvollkommenen. Daher sind intellektuelle Geschöpfe, welche die Engel sind, von vernunftbegabten Geschöpfen unterschieden, und manchmal werden sie unter ihnen eingeschlossen. In diesem Sinne wird gesagt, dass das Gebet dem vernunftbegabten Geschöpf eigentümlich ist.
Antwort auf Einwand 3: Von den jungen Raben wird gesagt, sie rufen Gott an, aufgrund des natürlichen Verlangens, wodurch alle Dinge, jedes auf seine Weise, danach verlangen, die göttliche Güte zu erlangen. So wird auch von stummen Tieren gesagt, sie gehorchen Gott, aufgrund des natürlichen Instinkts, wodurch sie von Gott bewegt werden.