II-II, q. 83 a. 15
Ob das Gebet verdienstvoll ist?
Quaestio 83 · Vom Gebet
Einwand 1: Es scheint, dass das Gebet nicht verdienstvoll ist. Alles Verdienst geht aus der Gnade hervor. Aber das Gebet geht der Gnade voraus, da sogar die Gnade mittels des Gebets erlangt wird, gemäß Lk 11,13: „(Wie viel mehr) wird euer Vater vom Himmel den guten Geist denen geben, die Ihn bitten!“ Deshalb ist das Gebet kein verdienstvoller Akt.
Einwand 2: Ferner, wenn das Gebet etwas verdient, so scheint dies hauptsächlich das zu sein, was im Gebet erfleht wird. Doch verdient es dies nicht immer, weil selbst die Gebete der Heiligen häufig nicht erhört werden; so wurde Paulus nicht erhört, als er flehte, dass der Stachel des Fleisches von ihm genommen werde. Deshalb ist das Gebet kein verdienstvoller Akt.
Einwand 3: Ferner basiert das Gebet hauptsächlich auf dem Glauben, gemäß Jak 1,6: „Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht.“ Nun ist der Glaube nicht ausreichend für das Verdienst, wie am Beispiel jener zu sehen ist, die toten Glauben haben. Deshalb ist das Gebet kein verdienstvoller Akt.
Dagegen spricht, dass eine Glosse zu den Worten von Ps 34,13, „Mein Gebet wird in meinen Schoß zurückkehren“, sie so erklärt: „Wenn mein Gebet ihnen nicht nützt, werde doch ich meines Lohnes nicht beraubt.“ Nun ist Lohn nur dem Verdienst geschuldet. Also ist das Gebet verdienstvoll.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [13]), das Gebet, außer dass es zur Zeit des Betens geistlichen Trost verursacht, eine zweifache Wirksamkeit in Bezug auf eine zukünftige Wirkung hat, nämlich Wirksamkeit im Verdienen und Wirksamkeit im Erlangen. Nun ist das Gebet, wie jeder andere tugendhafte Akt, wirksam im Verdienen, weil es aus der Liebe als seiner Wurzel hervorgeht, deren eigentlicher Gegenstand das ewige Gut ist, das zu genießen wir verdienen. Doch geht das Gebet aus der Liebe hervor durch das Medium der Religion, deren Akt das Gebet ist, wie oben dargelegt (Artikel [3]), und unter Mitwirkung anderer Tugenden, die für die Güte des Gebets erforderlich sind, nämlich Demut und Glaube. Denn die Darbringung des Gebets an Gott selbst gehört zur Religion, während das Verlangen nach der Sache, um deren Erfüllung wir beten, zur Liebe gehört. Glaube ist notwendig in Bezug auf Gott, zu Dem wir beten; das heißt, wir müssen glauben, dass wir von Ihm erhalten können, was wir suchen. Demut ist notwendig aufseiten der betenden Person, weil sie ihre Bedürftigkeit erkennt. Auch Andacht ist notwendig: aber diese gehört zur Religion, denn sie ist ihr erster Akt und eine notwendige Bedingung all ihrer sekundären Akte, wie oben dargelegt (Frage [82], Artikel [1],2).
Was seine Wirksamkeit im Erlangen betrifft, so leitet das Gebet diese von der Gnade Gottes ab, zu Dem wir beten und Der uns anregt zu beten. Weshalb Augustinus sagt (De Verb. Dom., Serm. cv, 1): „Er würde uns nicht drängen zu bitten, wenn Er nicht willens wäre zu geben“; und Chrysostomus [*Vgl. Catena Aurea des Hl. Thomas zu Lk 18. Die zitierten Worte finden sich nicht in den Werken des Chrysostomus] sagt: „Er weigert sich nie, unsere Gebete zu gewähren, da Er uns in Seiner liebevollen Güte drängte, im Beten nicht nachzulassen.“
Antwort auf Einwand 1: Weder das Gebet noch irgendein anderer tugendhafter Akt ist verdienstvoll ohne die heiligmachende Gnade. Und doch geht selbst jenes Gebet, das die heiligmachende Gnade erlangt, aus einer gewissen Gnade hervor, wie aus einer unentgeltlichen Gabe, da schon der Akt des Betens „eine Gabe Gottes“ ist, wie Augustinus feststellt (De Persever. xxiii).
Antwort auf Einwand 2: Manchmal betrifft das Verdienst des Gebets hauptsächlich etwas, das vom Gegenstand der eigenen Bitte verschieden ist. Denn der Hauptgegenstand des Verdienstes ist die Seligkeit, wohingegen der direkte Gegenstand der Bitte des Gebets sich manchmal auf gewisse andere Dinge erstreckt, wie oben dargelegt (Artikel [6],7). Dementsprechend, wenn diese andere Sache, um die wir für uns selbst bitten, nicht nützlich für unsere Seligkeit ist, verdienen wir sie nicht; und manchmal verlieren wir durch das Bitten und Begehren solcher Dinge Verdienst, zum Beispiel wenn wir von Gott die Vollbringung irgendeiner Sünde erbitten, was ein gottloses Gebet wäre. Und manchmal ist es nicht notwendig für das Heil, noch offensichtlich im Widerspruch dazu; und dann, obwohl der, der betet, durch das Beten ewiges Leben verdienen mag, verdient er doch nicht, das zu erhalten, worum er bittet. Daher sagt Augustinus (Liber. Sentent. Prosperi sent. ccxii): „Wer Gott gläubig um die Notwendigkeiten dieses Lebens bittet, wird sowohl barmherzig erhört als auch barmherzig nicht erhört. Denn der Arzt weiß besser als der Kranke, was gut für die Krankheit ist.“ Aus diesem Grund wurde auch Paulus nicht erhört, als er um die Entfernung des Stachels in seinem Fleisch betete, weil dies nicht förderlich war. Wenn wir jedoch um etwas beten, das nützlich für unsere Seligkeit ist, indem es dem Heil dienlich ist, verdienen wir es nicht nur durch Beten, sondern auch durch das Tun anderer guter Taten: deshalb empfangen wir ohne Zweifel, worum wir bitten, doch wann wir es empfangen sollen: „da uns gewisse Dinge nicht verweigert, sondern aufgeschoben werden, damit sie zu einer passenden Zeit gewährt werden“, gemäß Augustinus (Tract. cii in Joan.): und wiederum kann dies gehindert werden, wenn wir nicht im Bitten darum ausharren. Weshalb Basilius sagt (De Constit. Monast. i): „Der Grund, warum du manchmal gebeten und nicht empfangen hast, ist, weil du übel gebeten hast, entweder inkonsequent oder leichtfertig, oder weil du um das gebeten hast, was nicht gut für dich war, oder weil du aufgehört hast zu bitten.“ Da jedoch ein Mensch das ewige Leben für einen anderen nicht verdienstlich (de condigno) verdienen kann, wie oben dargelegt (FS, Frage [114], Artikel [6]), folgt daraus, dass man manchmal für einen anderen Dinge, die zum ewigen Leben gehören, nicht verdienstlich verdienen kann. Aus diesem Grund werden wir nicht immer erhört, wenn wir für andere beten, wie oben dargelegt (Artikel [7], ad 2,3). Daher kommt es, dass vier Bedingungen festgelegt werden; nämlich zu bitten – „für uns selbst – Dinge, die zum Heil notwendig sind – fromm – beharrlich“; wenn alle diese vier zusammentreffen, erhalten wir immer, worum wir bitten.
Antwort auf Einwand 3: Das Gebet hängt hauptsächlich vom Glauben ab, nicht für seine Wirksamkeit im Verdienen, weil es so hauptsächlich von der Liebe abhängt, sondern für seine Wirksamkeit im Erlangen, weil der Mensch durch den Glauben zur Kenntnis von Gottes Allmacht und Barmherzigkeit kommt, welche die Quelle sind, woraus das Gebet erlangt, worum es bittet.