II-II, q. 47 a. 6
Ob die Klugheit den moralischen Tugenden das Ziel bestimmt?
Quaestio 47 · Über die Klugheit in sich selbst betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Klugheit den moralischen Tugenden das Ziel bestimmt. Da die Klugheit in der Vernunft ist, während die moralische Tugend im Begehren ist, scheint es, dass die Klugheit zur moralischen Tugend in Beziehung steht wie die Vernunft zum Begehren. Nun bestimmt die Vernunft der begehrenden Kraft das Ziel. Also bestimmt die Klugheit den moralischen Tugenden das Ziel.
Einwand 2: Ferner übertrifft der Mensch irrationale Wesen durch seine Vernunft, aber er hat andere Dinge mit ihnen gemeinsam. Dementsprechend stehen die anderen Teile des Menschen in Beziehung zu seiner Vernunft so, wie der Mensch in Beziehung zu irrationalen Geschöpfen steht. Nun ist der Mensch das Ziel der irrationalen Geschöpfe, gemäß Polit. i, 3. Also sind alle anderen Teile des Menschen auf die Vernunft als auf ihr Ziel hingeordnet. Aber die Klugheit ist „rechte Vernunft, angewandt auf das Handeln“, wie oben dargelegt (Artikel [2]). Also sind alle Handlungen auf die Klugheit als ihr Ziel hingeordnet. Also bestimmt die Klugheit allen moralischen Tugenden das Ziel.
Einwand 3: Ferner gehört es zu der Tugend, Kunst oder Kraft, die sich mit dem Ziel befasst, den Tugenden oder Künsten zu befehlen, die sich mit den Mitteln befassen. Nun verfügt die Klugheit über die anderen moralischen Tugenden und befiehlt ihnen. Also bestimmt sie ihnen ihr Ziel.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. vi, 12), dass „die moralische Tugend die Richtigkeit der Intention des Ziels sicherstellt, während die Klugheit die Richtigkeit der Mittel sicherstellt.“ Also gehört es nicht zur Klugheit, den moralischen Tugenden das Ziel zu bestimmen, sondern nur die Mittel zu regeln.
Ich antworte darauf, dass das Ziel der moralischen Tugenden das menschliche Gut ist. Nun ist das Gut der menschlichen Seele, in Übereinstimmung mit der Vernunft zu sein, wie Dionysius erklärt (Div. Nom. iv). Daher müssen die Ziele der moralischen Tugend notwendigerweise in der Vernunft präexistieren.
Nun präexistieren, so wie in der spekulativen Vernunft gewisse Dinge natürlich erkannt sind, worüber der „Verstand“ ist, und gewisse Dinge, von denen wir durch jene Kenntnis erlangen, nämlich Schlussfolgerungen, worüber die „Wissenschaft“ ist, so auch in der praktischen Vernunft gewisse Dinge als natürlich erkannte Prinzipien, und solche sind die Ziele der moralischen Tugenden, da das Ziel in praktischen Angelegenheiten das ist, was Prinzipien in spekulativen Angelegenheiten sind, wie oben dargelegt (Frage [23], Artikel [7], ad 2; FS, Frage [13], Artikel [3]); während gewisse Dinge in der praktischen Vernunft nach Art von Schlussfolgerungen sind, und solche sind die Mittel, die wir aus den Zielen selbst gewinnen. Über diese ist die Klugheit, welche allgemeine Prinzipien auf die besonderen Schlussfolgerungen praktischer Angelegenheiten anwendet. Folglich gehört es nicht zur Klugheit, den moralischen Tugenden das Ziel zu bestimmen, sondern nur die Mittel zu regeln.
Antwort auf Einwand 1: Die natürliche Vernunft, bekannt unter dem Namen „Synderesis“, bestimmt den moralischen Tugenden das Ziel, wie oben dargelegt (FP, Frage [79], Artikel [12]): aber die Klugheit tut dies nicht aus dem oben angegebenen Grund.
Dies genügt für die Antwort auf den zweiten Einwand.
Antwort auf Einwand 3: Das Ziel betrifft die moralischen Tugenden, nicht als ob sie das Ziel bestimmten, sondern weil sie zum Ziel streben, das von der natürlichen Vernunft bestimmt ist. Hierin wird ihnen von der Klugheit geholfen, die ihnen den Weg bereitet, indem sie die Mittel disponiert. Daher folgt, dass die Klugheit vorzüglicher ist als die moralischen Tugenden und sie bewegt: doch bewegt die „Synderesis“ die Klugheit, so wie das Verständnis der Prinzipien die Wissenschaft bewegt.