II-II, q. 47 a. 3
Ob die Klugheit das Einzelne erkennt?
Quaestio 47 · Über die Klugheit in sich selbst betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Klugheit das Einzelne nicht erkennt. Denn die Klugheit ist in der Vernunft, wie oben dargelegt (Artikel [1],2). Aber „die Vernunft befasst sich mit dem Allgemeinen“, gemäß Phys. i, 5. Also erkennt die Klugheit nichts außer dem Allgemeinen.
Einwand 2: Ferner ist das Einzelne unendlich an Zahl. Die Vernunft kann aber eine unendliche Anzahl von Dingen nicht erfassen. Also ist die Klugheit, welche rechte Vernunft ist, nicht über das Einzelne.
Einwand 3: Ferner werden Einzeldinge durch die Sinne erkannt. Aber die Klugheit ist nicht in einem Sinn, denn viele Personen, die scharfe äußere Sinne haben, entbehren der Klugheit. Also erkennt die Klugheit das Einzelne nicht.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. vi, 7), dass „die Klugheit sich nicht nur mit dem Allgemeinen befasst, sondern auch das Einzelne erkennen muss.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1], ad 3), zur Klugheit nicht nur die Überlegung der Vernunft gehört, sondern auch die Anwendung auf das Handeln, welches das Ziel der praktischen Vernunft ist. Aber kein Mensch kann passenderweise eine Sache auf eine andere anwenden, wenn er nicht sowohl die anzuwendende Sache als auch die Sache kennt, auf die sie angewendet werden muss. Nun sind Handlungen in einzelnen Materien: und so ist es für den klugen Mann notwendig, sowohl die allgemeinen Prinzipien der Vernunft als auch das Einzelne zu kennen, worüber die Handlungen sind.
Antwort auf Einwand 1: Die Vernunft befasst sich zuerst und hauptsächlich mit dem Allgemeinen, und doch ist sie fähig, allgemeine Regeln auf besondere Fälle anzuwenden: daher sind die Schlussfolgerungen von Syllogismen nicht nur allgemein, sondern auch partikulär, weil der Intellekt durch eine Art Reflexion sich auf die Materie erstreckt, wie in De Anima iii dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Weil die unendliche Anzahl des Einzelnen von der menschlichen Vernunft nicht erfasst werden kann, sind „unsere Ratschlüsse unsicher“ (Weish 9,14). Dennoch reduziert die Erfahrung die Unendlichkeit des Einzelnen auf eine gewisse endliche Anzahl, die als allgemeine Regel vorkommt, und die Kenntnis dieser genügt für die menschliche Klugheit.
Antwort auf Einwand 3: Wie der Philosoph sagt (Ethic. vi, 8), wohnt die Klugheit nicht in den äußeren Sinnen, wodurch wir sinnliche Objekte erkennen, sondern im inneren Sinn, der durch Gedächtnis und Erfahrung vervollkommnet wird, um prompt über besondere Fälle zu urteilen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Klugheit im inneren Sinn als in ihrem Hauptsubjekt ist, denn sie ist hauptsächlich in der Vernunft, doch durch eine Art Anwendung erstreckt sie sich auf diesen Sinn.