II-II, q. 47 a. 10
Ob sich die Klugheit auf die Regierung der Vielheit erstreckt?
Quaestio 47 · Über die Klugheit in sich selbst betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Klugheit sich nicht auf die Regierung der Vielheit erstreckt, sondern nur auf die Regierung seiner selbst. Denn der Philosoph sagt (Ethic. v, 1), dass die Tugend, die auf das Gemeinwohl gerichtet ist, die Gerechtigkeit ist. Aber die Klugheit unterscheidet sich von der Gerechtigkeit. Also ist die Klugheit nicht auf das Gemeinwohl gerichtet.
Einwand 2: Ferner scheint derjenige klug zu sein, der Gutes für sich selbst sucht und tut. Nun vernachlässigen jene, die das Gemeinwohl suchen, oft ihr eigenes. Also sind sie nicht klug.
Einwand 3: Ferner ist die Klugheit spezifisch verschieden von Mäßigung und Tapferkeit. Aber Mäßigung und Tapferkeit scheinen nur auf das eigene Gut eines Menschen bezogen zu sein. Also gilt dasselbe für die Klugheit.
Dagegen spricht, dass unser Herr sagte (Mt 24,45): „Wer, denkst du, ist ein treuer und kluger Knecht, den sein Herr über seine Familie gesetzt hat?“
Ich antworte darauf, dass gemäß dem Philosophen (Ethic. vi, 8) einige die Meinung vertreten haben, dass die Klugheit sich nicht auf das Gemeinwohl erstreckt, sondern nur auf das Gut des Einzelnen, und dies, weil sie dachten, dass der Mensch nicht verpflichtet sei, etwas anderes als sein eigenes Gut zu suchen. Aber diese Meinung steht im Gegensatz zur Nächstenliebe, die „nicht das Ihre sucht“ (1 Kor 13,5): weshalb der Apostel von sich selbst sagt (1 Kor 10,33): „Nicht suchend, was mir nützlich ist, sondern vielen, damit sie gerettet werden.“ Überdies steht es im Gegensatz zur rechten Vernunft, die urteilt, dass das Gemeinwohl besser ist als das Gut des Einzelnen.
Dementsprechend, da es zur Klugheit gehört, richtig zu beraten, zu urteilen und zu befehlen bezüglich der Mittel zur Erlangung eines geschuldeten Ziels, ist es offensichtlich, dass die Klugheit nicht nur das private Gut des Einzelnen betrachtet, sondern auch das Gemeinwohl der Vielheit.
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph spricht dort von der moralischen Tugend. Nun so wie jede moralische Tugend, die auf das Gemeinwohl gerichtet ist, „legale“ Gerechtigkeit genannt wird, so wird die Klugheit, die auf das Gemeinwohl gerichtet ist, „politische“ Klugheit genannt, denn letztere steht in derselben Beziehung zur legalen Gerechtigkeit wie die Klugheit schlechthin zur moralischen Tugend.
Antwort auf Einwand 2: Wer das Gut der Vielen sucht, sucht in der Folge sein eigenes Gut, aus zwei Gründen. Erstens, weil das individuelle Gut unmöglich ist ohne das Gemeinwohl der Familie, des Staates oder des Königreiches. Daher sagt Valerius Maximus [*Fact. et Dict. Memor. iv, 6] von den alten Römern, dass „sie lieber arm in einem reichen Reich sein wollten als reich in einem armen Reich.“ Zweitens, weil, da der Mensch ein Teil des Hauses und des Staates ist, er notwendigerweise betrachten muss, was gut für ihn ist, indem er klug bezüglich des Gutes der Vielen ist. Denn die gute Disposition der Teile hängt von ihrer Beziehung zum Ganzen ab; so sagt Augustinus (Confess. iii, 8), dass „jeder Teil, der nicht mit seinem Ganzen harmoniert, anstößig ist.“
Antwort auf Einwand 3: Sogar Mäßigung und Tapferkeit können auf das Gemeinwohl gerichtet werden, daher gibt es Gesetzesvorschriften bezüglich ihrer, wie in Ethic. v, 1 dargelegt: mehr jedoch Klugheit und Gerechtigkeit, da diese zum rationalen Vermögen gehören, das direkt das Allgemeine betrachtet, so wie der sinnliche Teil das Einzelne betrachtet.