II-II, q. 47 a. 13
Ob die Klugheit in den Sündern sein kann?
Quaestio 47 · Über die Klugheit in sich selbst betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass es Klugheit in Sündern geben kann. Denn unser Herr sagte (Lk 16,8): „Die Kinder dieser Welt sind klüger in ihrer Generation als die Kinder des Lichts.“ Nun sind die Kinder dieser Welt Sünder. Also gibt es Klugheit in Sündern.
Einwand 2: Ferner ist der Glaube eine vorzüglichere Tugend als die Klugheit. Aber es kann Glauben in Sündern geben. Also kann es auch Klugheit geben.
Einwand 3: Ferner, gemäß Ethic. vi, 7, „sagen wir, dass gut Rat zu halten besonders das Werk eines klugen Mannes ist.“ Nun können viele Sünder gut Rat halten. Also können Sünder Klugheit haben.
Dagegen spricht, dass der Philosoph erklärt (Ethic. vi, 12), dass „es unmöglich ist, dass ein Mensch klug sei, wenn er nicht gut ist.“ Nun ist kein Sünder ein guter Mensch. Also ist kein Sünder klug.
Ich antworte darauf, dass die Klugheit dreifach ist. Es gibt eine falsche Klugheit, die ihren Namen von ihrer Ähnlichkeit mit der wahren Klugheit nimmt. Denn da ein kluger Mann einer ist, der gut über die Dinge verfügt, die für ein gutes Ziel getan werden müssen, hat jeder, der gut über solche Dinge verfügt, die für ein böses Ziel passend sind, falsche Klugheit, insofern das, was er für ein Ziel hält, gut ist, nicht in Wahrheit, sondern dem Schein nach. So wird ein Mann „ein guter Räuber“ genannt, und auf diese Weise kann man von „einem klugen Räuber“ sprechen, im Wege der Ähnlichkeit, weil er passende Wege ersinnt, Raub zu begehen. Dies ist die Klugheit, von der der Apostel sagt (Röm 8,6): „Die Klugheit des Fleisches ist der Tod“, weil sie nämlich ihr letztes Ziel in die Vergnügungen des Fleisches setzt.
Die zweite Klugheit ist in der Tat wahre Klugheit, weil sie passende Wege zur Erlangung eines guten Ziels ersinnt; und doch ist sie unvollkommen, aus einer zweifachen Quelle. Erstens, weil das Gut, das sie für ein Ziel nimmt, nicht das gemeinsame Ziel des ganzen menschlichen Lebens ist, sondern einer besonderen Angelegenheit; so wenn ein Mann passende Wege ersinnt, Geschäfte zu führen oder ein Schiff zu segeln, wird er ein kluger Geschäftsmann oder ein kluger Seemann genannt; zweitens, weil er im Hauptakt der Klugheit versagt, wie wenn ein Mann richtig Rat hält und ein gutes Urteil bildet, sogar über Dinge, die das Leben als Ganzes betreffen, aber versagt, einen wirksamen Befehl zu geben.
Die dritte Klugheit ist sowohl wahr als auch vollkommen, denn sie hält Rat, urteilt und befiehlt richtig in Bezug auf das gute Ziel des ganzen Lebens des Menschen: und diese allein ist Klugheit schlechthin und kann nicht in Sündern sein, wohingegen die erste Klugheit allein in Sündern ist, während die unvollkommene Klugheit guten und bösen Menschen gemeinsam ist, besonders jene, die unvollkommen ist, weil sie auf ein besonderes Ziel gerichtet ist, da jene, die aufgrund eines Versagens im Hauptakt unvollkommen ist, nur in den Bösen ist.
Antwort auf Einwand 1: Dieser Ausspruch unseres Herrn ist von der ersten Klugheit zu verstehen, weshalb nicht gesagt wird, dass sie absolut klug sind, sondern dass sie klug sind in „ihrer Generation“.
Antwort auf Einwand 2: Die Natur des Glaubens besteht nicht in der Übereinstimmung mit dem Begehren nach gewissen rechten Handlungen, sondern in der Erkenntnis allein. Andererseits impliziert die Klugheit eine Beziehung zu einem rechten Begehren. Erstens, weil ihre Prinzipien die Ziele in Angelegenheiten des Handelns sind; und von solchen Zielen bildet man eine rechte Einschätzung durch die Habitus der moralischen Tugend, die das Begehren berichtigen: weshalb es ohne die moralischen Tugenden keine Klugheit gibt, wie oben gezeigt (FS, Frage [58], Artikel [5]); zweitens, weil die Klugheit rechte Handlungen befiehlt, was nicht geschieht, wenn das Begehren nicht recht ist. Weshalb, obwohl der Glaube aufgrund seines Objekts vorzüglicher ist als die Klugheit, doch die Klugheit ihrer Natur nach der Sünde mehr entgegengesetzt ist, die aus einer Unordnung des Begehrens entsteht.
Antwort auf Einwand 3: Sünder können gut Rat halten für ein böses Ziel oder für irgendein besonderes Gut, aber sie halten nicht vollkommen gut Rat für das Ziel ihres ganzen Lebens, da sie jenen Rat nicht in die Tat umsetzen. Daher mangelt es ihnen an Klugheit, die nur auf das Gute gerichtet ist; und doch gibt es in ihnen, gemäß dem Philosophen (Ethic. vi, 12), „Gewandtheit“ [{deinotike}], d.h. natürlichen Fleiß, der sowohl auf Gutes als auch auf Böses gerichtet sein kann; oder „Verschlagenheit“ [{panourgia}], die nur auf Böses gerichtet ist, und von der wir oben festgestellt haben, dass sie „falsche Klugheit“ oder „Klugheit des Fleisches“ ist.