II-II, q. 47 a. 7
Ob es der Klugheit zukommt, die Mitte in den moralischen Tugenden zu finden?
Quaestio 47 · Über die Klugheit in sich selbst betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass es der Klugheit nicht zukommt, die Mitte in den moralischen Tugenden zu finden. Denn die Erreichung der Mitte ist das Ziel der moralischen Tugenden. Aber die Klugheit bestimmt den moralischen Tugenden nicht das Ziel, wie oben gezeigt (Artikel [6]). Also findet sie nicht die Mitte in ihnen.
Einwand 2: Ferner scheint das, was aus sich selbst Sein hat, keine Ursache zu haben, sondern sein eigentliches Sein ist seine Ursache, da ein Ding aufgrund seiner Ursache Sein zu haben gesagt wird. Nun gehört „der Mitte zu folgen“ zur moralischen Tugend aufgrund ihrer selbst, als Teil ihrer Definition, wie oben gezeigt (Artikel [5], Einwand [1]). Also verursacht die Klugheit nicht die Mitte in den moralischen Tugenden.
Einwand 3: Ferner wirkt die Klugheit nach der Weise der Vernunft. Aber die moralische Tugend strebt zur Mitte nach der Weise der Natur, weil, wie Tullius feststellt (De Invent. Rhet. ii, 53), „Tugend ein Habitus wie eine zweite Natur in Übereinstimmung mit der Vernunft ist.“ Also bestimmt die Klugheit den moralischen Tugenden nicht die Mitte.
Dagegen spricht, dass in der vorangehenden Definition der moralischen Tugend (Artikel [5], Einwand [1]) festgestellt wird, dass sie „einer Mitte folgt, die von der Vernunft bestimmt ist... so wie ein Weiser entscheidet.“
Ich antworte darauf, dass das eigentliche Ziel jeder moralischen Tugend präzise in der Übereinstimmung mit der rechten Vernunft besteht. Denn die Mäßigung beabsichtigt, dass der Mensch nicht um seiner Begierden willen von der Vernunft abirre; die Tapferkeit, dass er nicht durch Furcht oder Wagemut vom rechten Urteil der Vernunft abirre. Überdies ist dieses Ziel dem Menschen gemäß der natürlichen Vernunft bestimmt, da die natürliche Vernunft jedem diktiert, dass er gemäß der Vernunft handeln soll.
Aber es gehört zur Regelung der Klugheit zu entscheiden, auf welche Weise und durch welche Mittel der Mensch die Mitte der Vernunft in seinen Taten erlangen soll. Denn obwohl die Erreichung der Mitte das Ziel einer moralischen Tugend ist, wird diese Mitte doch durch die rechte Disposition dieser Dinge gefunden, die auf das Ziel hingeordnet sind.
Dies genügt für die Antwort auf den ersten Einwand.
Antwort auf Einwand 2: So wie ein natürliches Agens die Form in der Materie sein lässt, aber nicht macht, dass das, was wesentlich zur Form gehört, ihr zukommt, so bestimmt auch die Klugheit die Mitte in Leidenschaften und Operationen, und doch macht sie nicht, dass das Suchen der Mitte zur Tugend gehört.
Antwort auf Einwand 3: Die moralische Tugend beabsichtigt nach der Weise der Natur, die Mitte zu erreichen. Da jedoch die Mitte als solche nicht in allen Angelegenheiten auf dieselbe Weise gefunden wird, folgt daraus, dass die Neigung der Natur, die immer auf dieselbe Weise wirkt, für diesen Zweck nicht ausreicht, und so ist die Regelung der Klugheit erforderlich.