II-II, q. 47 a. 15
Ob die Klugheit von Natur aus in uns ist?
Quaestio 47 · Über die Klugheit in sich selbst betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Klugheit von Natur aus in uns ist. Der Philosoph sagt, dass Dinge, die mit der Klugheit verbunden sind, „natürlich zu sein scheinen“, nämlich „Synesis, Gnome“ [*{synesis} und {gnome}, Vgl. FS, Frage [57], Artikel [6]] und dergleichen, aber nicht jene, die mit der spekulativen Weisheit verbunden sind. Nun haben Dinge, die zur selben Gattung gehören, dieselbe Art von Ursprung. Also ist auch die Klugheit von Natur aus in uns.
Einwand 2: Ferner sind die Veränderungen des Alters gemäß der Natur. Nun resultiert die Klugheit aus dem Alter, gemäß Hiob 12,12: „In den Alten ist Weisheit, und in der Länge der Tage Klugheit.“ Also ist die Klugheit natürlich.
Einwand 3: Ferner ist die Klugheit konsistenter mit der menschlichen Natur als mit der von stummen Tieren. Nun gibt es Beispiele einer gewissen natürlichen Klugheit in stummen Tieren, gemäß dem Philosophen (De Hist. Anim. viii, 1). Also ist die Klugheit natürlich.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. ii, 1), dass „intellektuelle Tugend sowohl durch Lehre entsteht als auch gefördert wird; sie verlangt daher Erfahrung und Zeit.“ Nun ist die Klugheit eine intellektuelle Tugend, wie oben dargelegt (Artikel [4]). Also ist die Klugheit nicht von Natur aus in uns, sondern durch Lehre und Erfahrung.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gezeigt (Artikel [3]), die Klugheit sowohl die Erkenntnis des Allgemeinen als auch der einzelnen Materien des Handelns einschließt, auf welche die Klugheit die allgemeinen Prinzipien anwendet. Dementsprechend ist bezüglich der Erkenntnis des Allgemeinen dasselbe von der Klugheit zu sagen wie von der spekulativen Wissenschaft, weil die ersten allgemeinen Prinzipien von beiden natürlich erkannt werden, wie oben gezeigt (Artikel [6]): außer dass die gemeinsamen Prinzipien der Klugheit dem Menschen konnaturaler sind; denn wie der Philosoph bemerkt (Ethic. x, 7), ist „das Leben, das gemäß der spekulativen Vernunft ist, besser als das, welches gemäß dem Menschen ist“: wohingegen die sekundären allgemeinen Prinzipien, ob der spekulativen oder der praktischen Vernunft, nicht von der Natur geerbt, sondern durch Entdeckung mittels Erfahrung oder durch Lehre erworben werden.
Andererseits müssen wir bezüglich der Erkenntnis der Einzeldinge, die die Materie des Handelns sind, eine weitere Unterscheidung treffen, weil diese Materie des Handelns entweder ein Ziel oder das Mittel zu einem Ziel ist. Nun sind die rechten Ziele des menschlichen Lebens feststehend; weshalb es eine natürliche Neigung in Bezug auf diese Ziele geben kann; so wurde oben dargelegt (FS, Frage [51], Artikel [1]; FS, Frage [63], Artikel [1]), dass einige aus einer natürlichen Neigung gewisse Tugenden haben, wodurch sie zu rechten Zielen geneigt sind; und folglich haben sie auch natürlich ein rechtes Urteil über derartige Ziele.
Aber die Mittel zum Ziel sind in menschlichen Belangen weit davon entfernt, feststehend zu sein, sondern sind von mannigfaltiger Vielfalt gemäß der Vielfalt von Personen und Angelegenheiten. Weshalb, da die Neigung der Natur immer zu etwas Feststehendem ist, die Erkenntnis jener Mittel nicht natürlich im Menschen sein kann, obwohl aufgrund seiner natürlichen Veranlagung ein Mensch eine größere Eignung als ein anderer hat, sie zu unterscheiden, so wie es in Bezug auf die Schlussfolgerungen spekulativer Wissenschaften geschieht. Da also die Klugheit nicht über die Ziele, sondern über die Mittel ist, wie oben dargelegt (Artikel [6]; FS, Frage [57], Artikel [5]), folgt daraus, dass die Klugheit nicht von der Natur ist.
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph spricht dort von Dingen, die sich auf die Klugheit beziehen, insofern sie auf Ziele gerichtet sind. Weshalb er zuvor gesagt hatte (Ethic. vi, 5,11), dass „sie die Prinzipien des {ou heneka}“ [*Wörtlich: ‚um dessentwillen‘ (die Mittel sind)], nämlich des Ziels, sind; und so erwähnt er {euboulia} nicht unter ihnen, weil sie Rat über die Mittel hält.
Antwort auf Einwand 2: Die Klugheit ist eher in den Alten, nicht nur weil ihre natürliche Veranlagung die Bewegung der sinnlichen Leidenschaften beruhigt, sondern auch wegen ihrer langen Erfahrung.
Antwort auf Einwand 3: Sogar in stummen Tieren gibt es feste Wege zur Erlangung eines Ziels, weshalb wir beobachten, dass alle Tiere einer selben Spezies in gleicher Weise handeln. Aber dies ist im Menschen unmöglich, wegen seiner Vernunft, die das Allgemeine erkennt und sich folglich auf eine Unendlichkeit von Einzeldingen erstreckt.