II-II, q. 47 a. 4
Ob die Klugheit eine Tugend ist?
Quaestio 47 · Über die Klugheit in sich selbst betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Klugheit keine Tugend ist. Denn Augustinus sagt (De Lib. Arb. i, 13), dass „Klugheit die Wissenschaft dessen ist, was zu begehren und was zu meiden ist.“ Nun wird Wissenschaft gegen Tugend abgegrenzt, wie in den Prädikamenten (vi) erscheint. Also ist die Klugheit keine Tugend.
Einwand 2: Ferner gibt es keine Tugend einer Tugend: aber „es gibt eine Tugend der Kunst“, wie der Philosoph feststellt (Ethic. vi, 5): weshalb die Kunst keine Tugend ist. Nun gibt es Klugheit in der Kunst, denn es steht geschrieben (2 Chr 2,13) über Hiram, dass er verstand, „jede Art von Gravur zu gravieren und kunstvoll [prudenter] alles zu ersinnen, was bei der Arbeit nötig sein mag.“ Also ist die Klugheit keine Tugend.
Einwand 3: Ferner kann keine Tugend unmäßig sein. Aber die Klugheit ist unmäßig, sonst wäre es nutzlos zu sagen (Spr 23,4): „Setze deiner Klugheit Grenzen.“ Also ist die Klugheit keine Tugend.
Dagegen spricht, dass Gregor feststellt (Moral. ii, 49), dass Klugheit, Mäßigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit vier Tugenden sind.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (FS, Frage [55], Artikel [3]; FS, Frage [56], Artikel [1]), als wir über Tugenden im Allgemeinen handelten, „Tugend das ist, was ihren Besitzer gut macht und sein Werk ebenso gut.“ Nun kann das Gute in zweifachem Sinne verstanden werden: erstens materiell, für das Ding, das gut ist, zweitens formal, unter dem Aspekt des Guten. Das Gute, unter dem Aspekt des Guten, ist das Objekt der begehrenden Kraft. Wenn daher irgendwelche Habitus die Überlegung der Vernunft berichtigen, ohne die Richtigkeit des Begehrens zu berücksichtigen, haben sie weniger von der Natur einer Tugend, da sie den Menschen materiell zum Guten lenken, das heißt zu dem Ding, das gut ist, aber ohne es unter dem Aspekt des Guten zu betrachten. Andererseits haben jene Tugenden, die die Richtigkeit des Begehrens berücksichtigen, mehr von der Natur der Tugend, weil sie das Gute nicht nur materiell, sondern auch formal betrachten, mit anderen Worten, sie betrachten das, was gut ist, unter dem Aspekt des Guten.
Nun gehört es zur Klugheit, wie oben dargelegt (Artikel [1], ad 3; Artikel [3]), die rechte Vernunft auf das Handeln anzuwenden, und dies geschieht nicht ohne ein rechtes Begehren. Daher hat die Klugheit die Natur der Tugend nicht nur so, wie die anderen intellektuellen Tugenden sie haben, sondern auch so, wie die moralischen Tugenden sie haben, unter welchen Tugenden sie aufgezählt wird.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus nimmt dort Wissenschaft im weiten Sinne für jede Art von rechter Vernunft.
Antwort auf Einwand 2: Der Philosoph sagt, dass es eine Tugend der Kunst gibt, weil die Kunst keine Richtigkeit des Begehrens erfordert; weshalb ein Mensch, damit er rechten Gebrauch von seiner Kunst mache, eine Tugend haben muss, die sein Begehren berichtigt. Die Klugheit jedoch hat nichts mit der Materie der Kunst zu tun, weil die Kunst sowohl auf ein besonderes Ziel gerichtet ist als auch feste Mittel zur Erlangung dieses Ziels hat. Und doch kann man durch eine Art Vergleich sagen, dass ein Mensch in Angelegenheiten der Kunst klug handelt. Überdies ist in gewissen Künsten wegen der Ungewissheit der Mittel zur Erlangung des Ziels Beratung nötig, wie zum Beispiel in den Künsten der Medizin und der Schifffahrt, wie in Ethic. iii, 3 dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: Dieser Ausspruch des Weisen bedeutet nicht, dass die Klugheit selbst mäßig sein sollte, sondern dass anderen Dingen gemäß der Klugheit Mäßigung auferlegt werden muss.