II-II, q. 47 a. 2
Ob die Klugheit nur zur praktischen Vernunft gehört oder auch zur spekulativen?
Quaestio 47 · Über die Klugheit in sich selbst betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Klugheit nicht nur zur praktischen, sondern auch zur spekulativen Vernunft gehört. Denn es steht geschrieben (Spr 10,23): „Weisheit ist dem Manne Klugheit.“ Nun besteht die Weisheit hauptsächlich in der Kontemplation. Also tut dies auch die Klugheit.
Einwand 2: Ferner sagt Ambrosius (De Offic. i, 24): „Die Klugheit befasst sich mit der Suche nach der Wahrheit und erfüllt uns mit dem Verlangen nach vollerer Erkenntnis.“ Dies aber gehört zur spekulativen Vernunft. Also wohnt die Klugheit auch in der spekulativen Vernunft.
Einwand 3: Ferner weist der Philosoph Kunst und Klugheit demselben Teil der Seele zu (Ethic. vi, 1). Nun kann die Kunst nicht nur praktisch, sondern auch spekulativ sein, wie im Falle der freien Künste. Also ist auch die Klugheit sowohl praktisch als auch spekulativ.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. vi, 5), Klugheit sei die rechte Vernunft, angewandt auf das Handeln. Dies aber gehört zu niemandem als zur praktischen Vernunft. Also ist die Klugheit nur in der praktischen Vernunft.
Ich antworte darauf, dass gemäß dem Philosophen (Ethic. vi, 5) „ein kluger Mann einer ist, der fähig ist, gut Rat zu halten“. Nun bezieht sich die Beratung auf Dinge, die wir in Bezug auf irgendein Ziel zu tun haben: und die Vernunft, die sich mit Dingen befasst, die für ein Ziel zu tun sind, ist die praktische Vernunft. Daher ist es offensichtlich, dass die Klugheit nur in der praktischen Vernunft wohnt.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben dargelegt (Frage [45], Artikel [1],3), betrachtet die Weisheit die absolut höchste Ursache: so dass die Betrachtung der höchsten Ursache in irgendeiner besonderen Gattung zur Weisheit in jener Gattung gehört. Nun ist in der Gattung der menschlichen Handlungen die höchste Ursache das gemeinsame Ziel des ganzen menschlichen Lebens, und dieses Ziel ist es, das die Klugheit beabsichtigt. Denn der Philosoph sagt (Ethic. vi, 5), dass so wie derjenige, der gut für die Verwirklichung eines besonderen Ziels, wie etwa des Sieges, argumentiert, klug genannt wird, nicht absolut, sondern in einer besonderen Gattung, nämlich der Kriegsführung, so wird derjenige, der gut im Hinblick auf das rechte Verhalten als Ganzes argumentiert, absolut klug genannt. Daher ist klar, dass Klugheit Weisheit über menschliche Angelegenheiten ist: aber nicht Weisheit schlechthin, weil sie nicht über die absolut höchste Ursache ist, denn sie ist über das menschliche Gut, und dieses ist nicht das Beste von allem. Und so wird bezeichnenderweise gesagt, dass „Klugheit Weisheit für den Menschen ist“, aber nicht Weisheit schlechthin.
Antwort auf Einwand 2: Ambrosius, und auch Tullius (De Invent. ii, 53), nehmen das Wort Klugheit in einem weiten Sinne für jede menschliche Erkenntnis, ob spekulativ oder praktisch. Und doch kann auch geantwortet werden, dass der Akt der spekulativen Vernunft selbst, insofern er freiwillig ist, eine Angelegenheit von Wahl und Beratung hinsichtlich seiner Ausübung ist; und folglich unter die Leitung der Klugheit fällt. Andererseits, was seine Spezifikation in Bezug auf sein Objekt betrifft, welches das „notwendige Wahre“ ist, fällt er weder unter Beratung noch unter Klugheit.
Antwort auf Einwand 3: Jede Anwendung der rechten Vernunft im Werk der Herstellung gehört zur Kunst: aber zur Klugheit gehört nur die Anwendung der rechten Vernunft in Angelegenheiten der Beratung, welche jene sind, in denen es keinen festen Weg zur Erlangung des Ziels gibt, wie in Ethic. iii, 3 dargelegt. Da also die spekulative Vernunft Dinge wie Syllogismen, Propositionen und dergleichen macht, worin der Prozess gewissen und festen Regeln folgt, ist es folglich in Bezug auf solche Dinge möglich, das Wesentliche der Kunst zu haben, aber nicht der Klugheit; und so finden wir so etwas wie eine spekulative Kunst, aber keine spekulative Klugheit.