Suppl., q. 96 a. 1
Ob die Aureole dasselbe ist wie der wesentliche Lohn, der Aurea genannt wird?
Quaestio 96 · Von den Aureolen
Einwand 1: Es scheint, dass die Aureole sich nicht vom wesentlichen Lohn unterscheidet, der „Aurea“ genannt wird. Denn der wesentliche Lohn ist die Seligkeit selbst. Nun ist nach Boethius (De Consol. iii) die Seligkeit „ein durch die Ansammlung aller Güter vollkommener Zustand“. Daher schließt der wesentliche Lohn jedes Gut ein, das im Himmel besessen wird; folglich ist die Aureole in der „Aurea“ enthalten.
Einwand 2: Ferner ändern „mehr“ und „weniger“ nicht die Art. Diejenigen aber, die die Räte und die Gebote halten, empfangen einen größeren Lohn als jene, die nur die Gebote halten, und ihr Lohn scheint sich nicht zu unterscheiden, außer dass der eine Lohn größer ist als der andere. Da also die Aureole den Lohn bezeichnet, der den Werken der Vollkommenheit gebührt, scheint es, dass sie nichts von der „Aurea“ Verschiedenes bezeichnet.
Einwand 3: Ferner entspricht der Lohn dem Verdienst. Nun ist die Liebe [caritas] die Wurzel aller Verdienste. Da also die „Aurea“ der Liebe entspricht, scheint es, dass es im Himmel keinen anderen Lohn als die „Aurea“ geben wird.
Einwand 4: Ferner werden „alle Seligen in die Engelchöre aufgenommen“, wie Gregor erklärt (Hom. xxxiv in Evang.). Was nun die Engel betrifft, so gilt: „Obwohl einige von ihnen gewisse Gaben in höherem Maße empfangen, wird nichts von einem von ihnen ausschließlich besessen, denn alle Gaben sind in allen von ihnen, wenn auch nicht gleichermaßen, weil einige höher begabt sind als andere mit Gaben, die sie jedoch alle besitzen“, wie Gregor sagt (Hom. xxxiv in Evang.). Daher wird es auch bei den Seligen keinen anderen Lohn geben als jenen, der allen gemeinsam ist. Folglich ist die Aureole kein von der „Aurea“ verschiedener Lohn.
Einwand 5: Ferner gebührt höherem Verdienst ein höherer Lohn. Wenn also die „Aurea“ den Werken gebührt, die verpflichtend sind, und die Aureole den Werken des Rates, so wird die Aureole vollkommener sein als die „Aurea“, und folglich sollte sie nicht durch ein Diminutivum [Verkleinerungsform: „Aureola“, d.h. eine kleine „Aurea“] ausgedrückt werden. Daher scheint es, dass die Aureole kein von der „Aurea“ verschiedener Lohn ist.
Dagegen spricht eine Glosse [*Ven. Beda, De Tabernaculis i, 6] zu Ex 25,24.25: „Du sollst ... einen anderen kleinen goldenen Kranz [coronam aureolam] machen“, welche besagt: „Dieser Kranz bezeichnet den neuen Hymnus, den allein die Jungfrauen in der Gegenwart des Lammes singen.“ Daher ist die Aureole anscheinend ein Kranz, der nicht allen, sondern speziell einigen zuerkannt wird, wohingegen die Aurea allen Seligen zuerkannt wird. Folglich ist die Aureole von der „Aurea“ verschieden.
Ferner gebührt ein Kranz dem Kampf, dem der Sieg folgt: „Wer ... wird nicht gekrönt, er kämpfe denn rechtmäßig“ (2 Tim 2,5). Wo es also eine besondere Art von Konflikt gibt, sollte es einen besonderen Kranz geben. Nun gibt es in gewissen Werken eine besondere Art von Konflikt. Daher verdienen sie eine besondere Art von Kranz, den wir Aureole nennen.
Ferner stammt die streitende Kirche von der triumphierenden Kirche ab: „Ich sah die Heilige Stadt“ usw. (Offb 21,2). Nun werden in der streitenden Kirche jenen besondere Belohnungen gegeben, die besondere Taten vollbringen, zum Beispiel ein Kranz dem Sieger, ein Preis dem Läufer. Daher sollte dasselbe in der triumphierenden Kirche gelten.
Ich antworte darauf, dass der wesentliche Lohn des Menschen, der seine Seligkeit ist, in der vollkommenen Vereinigung der Seele mit Gott besteht, insofern sie Gott vollkommen genießt, wie er gesehen und vollkommen geliebt wird. Nun wird dieser Lohn metaphorisch „Krone“ oder „Aurea“ genannt, sowohl in Bezug auf das Verdienst, das durch eine Art Kampf gewonnen wird – da „das Leben des Menschen auf Erden ein Kriegsdienst ist“ (Ijob 7,1) – als auch in Bezug auf den Lohn, durch den der Mensch in gewisser Weise teilhaftig der Gottheit gemacht und folglich mit königlicher Macht ausgestattet wird: „Du hast uns unserem Gott zu einem Königreich gemacht“ usw. (Offb 5,10); denn eine Krone ist das eigentliche Zeichen königlicher Macht.
In gleicher Weise hat der akzidentelle Lohn, der zum wesentlichen hinzukommt, den Charakter einer Krone. Denn eine Krone bezeichnet irgendeine Art von Vollkommenheit aufgrund ihrer Kreisform, so dass sie aus eben diesem Grund der Vollkommenheit der Seligen angemessen ist. Da jedoch zum Wesentlichen nichts hinzugefügt werden kann, außer was geringer ist als dieses, wird der zusätzliche Lohn „Aureole“ genannt. Nun kann diesem wesentlichen Lohn, den wir „Aurea“ nennen, auf zwei Weisen etwas hinzugefügt werden. Erstens infolge einer Bedingung, die der Natur des Belohnten anhaftet: So wird die Herrlichkeit des Leibes zur Seligkeit der Seele hinzugefügt, weshalb ebendiese Herrlichkeit des Leibes manchmal „Aureole“ genannt wird. So sagt eine Glosse Bedas zu Ex 25,25: „Du ... sollst einen anderen kleinen goldenen Kranz machen“, dass „schließlich die Aureole hinzugefügt wird, wenn in den Schriften ausgesagt wird, dass ein höherer Grad an Herrlichkeit für uns bereitsteht, wenn unsere Leiber wiederaufgenommen werden.“ Aber in diesem Sinne sprechen wir jetzt nicht von einer Aureole. Zweitens infolge der Natur des verdienstlichen Aktes. Dieser nun hat den Charakter des Verdienstes aus zwei Gründen, woher er auch den Charakter des Guten hat. Erstens nämlich von seiner Wurzel, die die Liebe [caritas] ist, da er auf das letzte Ziel bezogen ist, und so gebührt ihm der wesentliche Lohn, nämlich die Erlangung des Ziels, und dies ist die „Aurea“. Zweitens aus der Gattung des Aktes selbst, der eine gewisse Lobwürdigkeit aus seinen geschuldeten Umständen, aus dem Habitus, der ihn hervorbringt, und aus seinem nächsten Ziel ableitet, und so gebührt ihm eine Art akzidenteller Lohn, den wir „Aureole“ nennen: und in diesem Sinne betrachten wir die Aureole jetzt. Dementsprechend muss gesagt werden, dass eine „Aureole“ etwas bezeichnet, das zur „Aurea“ hinzugefügt wird, nämlich eine Art Freude an den Werken, die man getan hat, insofern sie den Charakter eines signalhaften Sieges haben: denn diese Freude ist verschieden von der Freude über das Vereintsein mit Gott, welche „Aurea“ genannt wird. Einige behaupten jedoch, dass der allgemeine Lohn, der die „Aurea“ ist, den Namen „Aureole“ erhält, insofern er Jungfrauen, Märtyrern oder Lehrern gegeben wird: so wie Geld den Namen Schuld erhält, indem es jemandem geschuldet wird, obwohl das Geld und die Schuld gänzlich dasselbe sind. Und dass dies dennoch nicht impliziert, dass der wesentliche Lohn größer sei, wenn er „Aureole“ genannt wird; sondern dass er einem vorzüglicheren Akt entspricht, vorzüglicher nicht in der Intensität des Verdienstes, sondern in der Art des Verdienens; so dass, obwohl zwei Personen die göttliche Schau mit gleicher Klarheit haben mögen, sie bei dem einen „Aureole“ genannt wird und bei dem anderen nicht, insofern sie einem höheren Verdienst hinsichtlich der Art des Verdienens entspricht. Aber dies scheint der Bedeutung der oben zitierten Glosse zu widersprechen. Denn wenn „Aurea“ und „Aureole“ dasselbe wären, würde die „Aureole“ nicht als zur „Aurea“ hinzugefügt beschrieben werden. Überdies, da der Lohn dem Verdienst entspricht, muss dieser vorzüglicheren Art des Verdienens notwendigerweise ein vorzüglicherer Lohn entsprechen: und es ist diese Vorzüglichkeit, die wir „Aureole“ nennen. Daher folgt, dass eine „Aureole“ sich von der „Aurea“ unterscheidet.
Antwort auf Einwand 1: Die Seligkeit schließt alle Güter ein, die für das vollkommene Leben des Menschen notwendig sind, welches in seiner vollkommenen Tätigkeit besteht. Doch können einige Dinge hinzugefügt werden, nicht als notwendig für jene vollkommene Tätigkeit, als ob sie ohne diese unmöglich wäre, sondern als zur Herrlichkeit der Seligkeit beitragend. Daher betreffen sie das Wohlsein der Seligkeit und eine gewisse Angemessenheit dazu. Ebenso wird das bürgerliche Glück durch Adel und körperliche Schönheit und dergleichen verschönert, und doch ist es ohne sie möglich, wie in Ethic. i, 8 dargelegt: und so verhält sich die Aureole im Vergleich zur Glückseligkeit des Himmels.
Antwort auf Einwand 2: Wer die Räte und die Gebote hält, verdient immer mehr als derjenige, der nur die Gebote hält, wenn wir den Begriff des Verdienstes in den Werken aus der Gattung dieser Werke selbst ableiten; aber nicht immer, wenn wir das Verdienst von seiner Wurzel, der Liebe, her bemessen: da manchmal ein Mensch die Gebote allein aus größerer Liebe hält als einer, der sowohl Gebote als auch Räte hält. Meistens jedoch geschieht das Gegenteil, weil der „Beweis der Liebe in der Ausführung der Taten liegt“, wie Gregor sagt (Hom. xxx in Evang.). Daher wird nicht der vorzüglichere wesentliche Lohn Aureole genannt, sondern das, was zum wesentlichen Lohn hinzugefügt wird, ohne Bezug darauf, ob der wesentliche Lohn des Besitzers einer Aureole größer, kleiner oder gleich dem wesentlichen Lohn dessen ist, der keine Aureole hat.
Antwort auf Einwand 3: Die Liebe ist das erste Prinzip des Verdienstes: aber unsere Handlungen sind sozusagen die Werkzeuge, durch die wir verdienen. Um nun eine Wirkung zu erzielen, ist nicht nur eine entsprechende Disposition im ersten Beweger erforderlich, sondern auch eine richtige Disposition im Werkzeug. Daher resultiert in der Wirkung etwas Prinzipales in Bezug auf den ersten Beweger und etwas Sekundäres in Bezug auf das Werkzeug. Daher gibt es auch im Lohn etwas seitens der Liebe, nämlich die „Aurea“, und etwas seitens der Art des Werkes, nämlich die „Aureole“.
Antwort auf Einwand 4: Alle Engel verdienten ihre Seligkeit durch dieselbe Art von Akt, nämlich durch die Hinkehr zu Gott: und folglich findet sich kein besonderer Lohn bei irgendeinem, den ein anderer nicht in irgendeiner Weise hätte. Aber Menschen verdienen die Seligkeit durch verschiedene Arten von Akten: und so hinkt der Vergleich.
Dennoch haben unter den Menschen das, was einer speziell zu haben scheint, alle in gewisser Weise gemeinsam, insofern jeder durch die Liebe das Gut des anderen als sein eigenes erachtet. Doch diese Freude, durch die einer die Freude eines anderen teilt, kann nicht Aureole genannt werden, weil sie ihm nicht als Lohn für seinen Sieg gegeben wird, sondern mehr den Sieg eines anderen betrifft: wohingegen ein Kranz den Siegern selbst zuerkannt wird und nicht jenen, die sich mit ihnen über den Sieg freuen.
Antwort auf Einwand 5: Das Verdienst, das aus der Liebe entspringt, ist vorzüglicher als jenes, das aus der Art der Handlung entspringt: so wie das Ziel, auf das die Liebe uns ausrichtet, vorzüglicher ist als die Dinge, die auf dieses Ziel ausgerichtet sind und mit denen sich unsere Handlungen befassen. Daher ist der Lohn, der dem Verdienst aufgrund der Liebe entspricht, wie klein er auch sei, größer als jeder Lohn, der einer Handlung aufgrund ihrer Gattung entspricht. Daher wird „Aureole“ als Diminutivum im Vergleich zu „Aurea“ verwendet.