Suppl., q. 96 a. 13
Ob eine Person die Aureole vorzüglicher besitzt als eine andere?
Quaestio 96 · Von den Aureolen
Einwand 1: Es scheint, dass eine Person die Aureole weder der Jungfräulichkeit noch des Martyriums noch der Lehre vollkommener hat als eine andere Person. Denn Dinge, die ihr Ziel erreicht haben, unterliegen nicht der Steigerung oder Minderung. Nun gebührt die Aureole Werken, die ihr Ziel der Vollkommenheit erreicht haben. Daher unterliegt eine Aureole nicht der Steigerung oder Minderung.
Einwand 2: Ferner unterliegt Jungfräulichkeit nicht dem Mehr oder Weniger, da sie eine Art Beraubung bezeichnet; und Beraubungen unterliegen nicht der Steigerung oder Minderung. Daher empfängt auch der Lohn der Jungfräulichkeit, nämlich die Aureole der Jungfrau, keine Steigerung oder Minderung.
Dagegen spricht: Die Aureole wird zur Aurea hinzugefügt. Aber die Aurea ist in einem intensiver als in einem anderen. Daher ist es auch die Aureole.
Ich antworte darauf, dass, da Verdienst gewissermaßen die Ursache des Lohnes ist, Belohnungen notwendigerweise diversifiziert sein müssen, je nachdem wie Verdienste diversifiziert sind: denn die Steigerung oder Minderung eines Dinges folgt aus der Steigerung oder Minderung seiner Ursache. Nun kann das Verdienst der Aureole größer oder kleiner sein: weshalb auch die Aureole größer oder kleiner sein kann.
Wir müssen jedoch beachten, dass das Verdienst einer Aureole auf zwei Weisen gesteigert werden kann: erstens seitens ihrer Ursache, zweitens seitens des Werkes. Denn es kann geschehen, dass es zwei Personen gibt, von denen eine aus geringerer Liebe größere Qualen des Martyriums erleidet oder beständiger im Predigen ist oder sich wiederum mehr von fleischlichen Vergnügungen zurückzieht. Dementsprechend entspricht die Steigerung nicht der Aureole, sondern der Aurea der Steigerung des Verdienstes, das von seiner Wurzel abgeleitet ist; während die Steigerung der Aureole der Steigerung des Verdienstes entspricht, das von der Art des Aktes abgeleitet ist. Folglich ist es möglich, dass einer, der im Martyrium weniger verdient hinsichtlich seines wesentlichen Lohnes, eine größere Aureole für sein Martyrium empfängt.
Antwort auf Einwand 1: Die Verdienste, denen eine Aureole gebührt, erreichen das Ziel ihrer Vollkommenheit nicht schlechthin, sondern gemäß ihrer Art: so wie Feuer spezifisch der subtilste der Körper ist. Daher hindert nichts daran, dass eine Aureole vorzüglicher ist als eine andere, so wie ein Feuer subtiler ist als ein anderes.
Antwort auf Einwand 2: Die Jungfräulichkeit des einen kann größer sein als die Jungfräulichkeit des anderen, aufgrund eines größeren Rückzugs von dem, was der Jungfräulichkeit entgegengesetzt ist: so dass Jungfräulichkeit als größer in einem ausgesagt wird, der die Gelegenheiten zur Verderbnis mehr meidet. Denn auf diese Weise können Beraubungen zunehmen, wie wenn ein Mensch als blinder bezeichnet wird, wenn er weiter vom Besitz des Sehvermögens entfernt ist.