Suppl., q. 96 a. 5
Ob aufgrund der Jungfräulichkeit eine Aureole gebührt?
Quaestio 96 · Von den Aureolen
Einwand 1: Es scheint, dass aufgrund der Jungfräulichkeit keine Aureole gebührt. Denn wo größere Schwierigkeit im Werk ist, gebührt ein größerer Lohn. Nun haben Witwen größere Schwierigkeit als Jungfrauen, sich der Werke des Fleisches zu enthalten. Denn Hieronymus sagt (Ep. ad Ageruch.), dass je größer die Schwierigkeit ist, die gewisse Personen erfahren, sich der Lockungen des Vergnügens zu enthalten, desto größer ihr Lohn ist, und er spricht zum Lob der Witwen. Überdies sagt der Philosoph (De Anim. Hist. vii), dass „junge Frauen, die entjungfert wurden, den Geschlechtsverkehr umso mehr begehren wegen der Erinnerung an das Vergnügen.“ Daher gebührt die Aureole, die der größte Lohn ist, den Witwen mehr als den Jungfrauen.
Einwand 2: Ferner, wenn eine Aureole der Jungfräulichkeit gebührte, würde sie besonders dort gefunden werden, wo die vollkommenste Jungfräulichkeit ist. Nun ist die vollkommenste Jungfräulichkeit in der seligen Jungfrau, weshalb sie die Jungfrau der Jungfrauen genannt wird: und doch gebührt ihr keine Aureole, weil sie keinen Konflikt erfuhr, enthaltsam zu sein, denn sie war nicht mit der Verderbnis des Zunders [fomes] infiziert [*Vgl. TP, Frage [27], Artikel [3]]. Daher gebührt der Jungfräulichkeit keine Aureole.
Einwand 3: Ferner gebührt kein besonderer Lohn dem, was nicht zu allen Zeiten lobwürdig war. Nun wäre es nicht lobwürdig gewesen, die Jungfräulichkeit im Stand der Unschuld zu bewahren, da sie damals geboten war: „Wachset und mehret euch und füllet die Erde“ (Gen 1,28): noch wiederum während der Zeit des Gesetzes, da die Unfruchtbaren verflucht waren. Daher gebührt der Jungfräulichkeit keine Aureole.
Einwand 4: Ferner gebührt nicht derselbe Lohn der bewahrten Jungfräulichkeit und der verlorenen Jungfräulichkeit. Doch gebührt eine Aureole manchmal der verlorenen Jungfräulichkeit; zum Beispiel, wenn eine Jungfrau unfreiwillig auf Befehl eines Tyrannen geschändet wird, weil sie Christus bekennt. Daher gebührt der Jungfräulichkeit keine Aureole.
Einwand 5: Ferner gebührt kein besonderer Lohn dem, was in uns von Natur aus ist. Aber Jungfräulichkeit ist jedem Menschen angeboren, sowohl dem guten als auch dem bösen. Daher gebührt der Jungfräulichkeit keine Aureole.
Einwand 6: Ferner, wie sich der Witwenstand zur sechzigfältigen Frucht verhält, so verhält sich die Jungfräulichkeit zur hundertfältigen Frucht und zur Aureole. Nun gebührt die sechzigfältige Frucht nicht jeder Witwe, sondern nur, wie einige sagen, einer, die gelobt, eine Witwe zu bleiben. Daher scheint es, dass auch die Aureole nicht jeder Art von Jungfräulichkeit gebührt, sondern nur jener, die durch Gelübde bewahrt wird.
Einwand 7: Ferner wird kein Lohn dem gegeben, was aus Notwendigkeit geschieht, da alles Verdienst vom Willen abhängt. Aber einige sind Jungfrauen aus Notwendigkeit, wie jene, die von Natur aus kaltblütig sind, und Eunuchen. Daher gebührt der Jungfräulichkeit nicht immer eine Aureole.
Dagegen spricht eine Glosse zu Ex 25,25: „Du sollst auch einen kleinen goldenen Kranz [coronam aureolam] machen“, welche sagt: „Dieser Kranz bezeichnet den neuen Hymnus, den die Jungfrauen in der Gegenwart des Lammes singen, jene nämlich, die dem Lamm folgen, wohin es auch geht.“ Daher wird der Lohn, der der Jungfräulichkeit gebührt, Aureole genannt.
Ferner steht geschrieben (Jes 56,4): „So spricht der Herr zu den Eunuchen“: und der Text fährt fort (Jes 56,5): „Ich werde ihnen ... einen Namen geben, besser als Söhne und Töchter“: und eine Glosse [*St. Augustinus, De Virginit. xxv] sagt: „Dies bezieht sich auf ihre besondere und überragende Herrlichkeit.“ Nun bezeichnen die Eunuchen, „die sich selbst zu Eunuchen gemacht haben um des Himmelreiches willen“ (Mt 19,12), die Jungfrauen. Daher scheint es, dass der Jungfräulichkeit ein besonderer Lohn gebührt, und dieser wird Aureole genannt.
Ich antworte darauf, dass dort, wo es eine bemerkenswerte Art von Sieg gibt, ein besonderer Kranz gebührt. Da nun eine Person durch Jungfräulichkeit einen signalhaften Sieg über das Fleisch gewinnt, gegen das ein ständiger Kampf geführt wird: „Das Fleisch begehrt gegen den Geist“ usw. (Gal 5,17), gebührt der Jungfräulichkeit ein besonderer Kranz, der Aureole genannt wird. Dies ist in der Tat die allgemeine Meinung aller; aber alle sind sich nicht einig über die Art der Jungfräulichkeit, der sie gebührt. Denn einige sagen, dass die Aureole dem Akt gebührt. So dass diejenige, die tatsächlich eine Jungfrau bleibt, die Aureole haben wird, vorausgesetzt, sie gehört zur Zahl der Geretteten. Aber dies scheint unvernünftig, weil in diesem Fall jene, die den Willen haben zu heiraten und dennoch sterben, bevor sie heiraten, die Aureole hätten. Daher halten andere dafür, dass die Aureole dem Stand und nicht dem Akt gebührt: so dass jene Jungfrauen allein die Aureole verdienen, die sich durch Gelübde in den Stand der Bewahrung ewiger Jungfräulichkeit versetzt haben. Aber auch dies scheint unvernünftig, weil es möglich ist, dieselbe Absicht der Bewahrung der Jungfräulichkeit ohne ein Gelübde zu haben wie mit einem Gelübde. Daher kann anders gesagt werden, dass Verdienst jedem tugendhaften Akt gebührt, der von der Liebe geboten ist. Nun fällt Jungfräulichkeit unter die Gattung der Tugend, insofern ewige Unversehrtheit von Geist und Körper ein Gegenstand der Wahl ist, wie aus dem hervorgeht, was oben gesagt wurde (Sent. iv, D, 33, Frage [3], Artikel [1],2) [*Vgl. TP, Frage [152], Artikel [1],3]. Folglich gebührt die Aureole jenen Jungfrauen allein, die den Vorsatz hatten, ewige Jungfräulichkeit zu bewahren, ob sie diesen Vorsatz nun durch Gelübde bestätigt haben oder nicht – und dies sage ich in Bezug auf die Aureole in ihrer eigentlichen Bedeutung eines Lohnes, der dem Verdienst gebührt –, obwohl dieser Vorsatz zu irgendeiner Zeit unterbrochen worden sein mag, wobei die Integrität des Fleisches dennoch verblieb, vorausgesetzt, er wird am Ende des Lebens vorgefunden, weil die Jungfräulichkeit des Geistes wiederhergestellt werden kann, obwohl die Jungfräulichkeit des Fleisches es nicht kann. Wenn wir jedoch die Aureole in ihrem weiten Sinne für jede Freude nehmen, die zur wesentlichen Freude des Himmels hinzugefügt wird, wird die Aureole sogar auf jene anwendbar sein, die im Fleisch unversehrt sind, obwohl sie nicht den Vorsatz hatten, ewige Jungfräulichkeit zu bewahren. Denn ohne Zweifel werden sie sich an der Unversehrtheit ihres Körpers freuen, so wie die Unschuldigen sich freuen werden, frei von Sünde gewesen zu sein, obwohl sie keine Gelegenheit zum Sündigen hatten, wie im Fall getaufter Kinder. Aber dies ist nicht die eigentliche Bedeutung einer Aureole, obwohl sie sehr allgemein in diesem Sinne genommen wird.
Antwort auf Einwand 1: In mancher Hinsicht erfahren Jungfrauen einen größeren Konflikt, enthaltsam zu bleiben; und in anderer Hinsicht Witwen, wenn andere Dinge gleich sind. Denn Jungfrauen werden durch Begierlichkeit entflammt und durch das Verlangen nach Erfahrung, das sozusagen aus einer gewissen Neugier entsteht, die den Menschen williger macht zu sehen, was er nie gesehen hat. Manchmal wird diese Begierlichkeit zudem dadurch gesteigert, dass sie das Vergnügen für größer halten, als es in Wirklichkeit ist, und indem sie es versäumen, die Beschwernisse zu betrachten, die diesem Vergnügen anhaften. In dieser Hinsicht erfahren Witwen den geringeren Konflikt, doch ist ihrer der größere Konflikt aufgrund ihrer Erinnerung an das Vergnügen. Überdies ist in verschiedenen Subjekten ein Motiv stärker als ein anderes, gemäß den verschiedenen Bedingungen und Dispositionen des Subjekts, weil einige für das eine empfänglicher sind und andere für das andere. Was auch immer wir jedoch über den Grad des Konflikts sagen mögen, dies ist sicher – dass der Sieg der Jungfrau vollkommener ist als der der Witwe, denn die vollkommenste und glänzendste Art des Sieges ist, dem Feind niemals nachgegeben zu haben: und der Kranz gebührt nicht dem Kampf, sondern dem durch den Kampf gewonnenen Sieg.
Antwort auf Einwand 2: Es gibt zwei Meinungen hierüber. Denn einige sagen, dass die selige Jungfrau keine Aureole als Belohnung ihrer Jungfräulichkeit hat, wenn wir Aureole im eigentlichen Sinne nehmen, als sich auf einen Konflikt beziehend, sondern dass sie etwas mehr als eine Aureole hat, aufgrund ihres vollkommensten Vorsatzes, die Jungfräulichkeit zu bewahren. Andere sagen, dass sie eine Aureole sogar in ihrer eigentlichen Bedeutung hat, und zwar eine höchst überragende: denn obwohl sie keinen Konflikt erfuhr, hatte sie einen gewissen Konflikt des Fleisches, aber aufgrund der übermäßigen Stärke ihrer Tugend war ihr Fleisch so unterworfen, dass sie diesen Konflikt nicht fühlte. Dies scheint jedoch ohne Grund gesagt zu sein, denn da wir glauben, dass die selige Jungfrau aufgrund der Vollkommenheit ihrer Heiligung gänzlich immun gegen die Neigung des Zunders [fomes] war, ist es frevelhaft anzunehmen, dass in ihr irgendein Konflikt mit dem Fleisch war, da ein solcher Konflikt nur aus der Neigung des Zunders stammt, noch kann Versuchung vom Fleisch ohne Sünde sein, wie durch eine Glosse [*St. Augustinus, De Civ. Dei xix, 4] zu 2 Kor 12,7 erklärt wird: „Es wurde mir ein Stachel meines Fleisches gegeben.“ Daher müssen wir sagen, dass sie eine Aureole im eigentlichen Sinne hat, um so jenen anderen Gliedern der Kirche gleichförmig zu sein, in denen Jungfräulichkeit gefunden wird: und obwohl sie keinen Konflikt aufgrund der Versuchung hatte, die vom Fleisch ist, hatte sie die Versuchung, die vom Feind ist, der nicht einmal Christus fürchtete (Mt 4).
Antwort auf Einwand 3: Die Aureole gebührt der Jungfräulichkeit nicht, außer als eine gewisse Vorzüglichkeit zu den anderen Graden der Enthaltsamkeit hinzufügend. Wenn Adam nicht gesündigt hätte, hätte die Jungfräulichkeit keine Vollkommenheit gegenüber der ehelichen Enthaltsamkeit gehabt, da in jenem Fall die Ehe ehrbar gewesen wäre und das Ehebett unbefleckt, denn es wäre nicht durch Lust entehrt worden: daher wäre die Jungfräulichkeit dann nicht bewahrt worden, noch hätte ihr eine Aureole gebührt. Aber da der Zustand der menschlichen Natur verändert ist, hat die Jungfräulichkeit eine besondere Schönheit, und folglich wird ihr ein besonderer Lohn zugewiesen.
Während der Zeit des mosaischen Gesetzes, als die Verehrung Gottes mittels des fleischlichen Aktes fortgesetzt werden sollte, war es nicht gänzlich lobwürdig, sich des fleischlichen Verkehrs zu enthalten: weshalb kein besonderer Lohn für einen solchen Zweck gegeben würde, es sei denn, er käme aus einer göttlichen Eingebung, wie es im Fall von Jeremias und Elias geglaubt wird, von deren Ehe wir nicht lesen.
Antwort auf Einwand 4: Wenn eine Jungfrau geschändet wird, verwirkt sie die Aureole nicht, vorausgesetzt, sie behält unfehlbar den Vorsatz bei, ewige Jungfräulichkeit zu bewahren, und stimmt dem Akt in keiner Weise zu. Noch verwirkt sie dadurch die Jungfräulichkeit; und dies sei gesagt, ob sie nun für den Glauben geschändet wird oder aus irgendeinem anderen Grund. Aber wenn sie dies für den Glauben erleidet, wird ihr dies als Verdienst angerechnet werden und eine Art Martyrium sein: weshalb Lucia sagte: „Wenn du mich gegen meinen Willen schänden lässt, wird meine Keuschheit einen doppelten Kranz erhalten“ [*Offizium der Hl. Lucia; Lesung vi des Dominikanischen Breviers, 13. Dezember]; nicht dass sie zwei Aureolen der Jungfräulichkeit hat, sondern dass sie einen doppelten Lohn erhalten wird, einen für die Bewahrung der Jungfräulichkeit, den anderen für die Schmach, die sie erlitten hat. Selbst angenommen, dass eine so Geschändete empfangen sollte, würde sie aus diesem Grund ihre Jungfräulichkeit nicht verwirken: noch wäre sie der Mutter Christi gleich, in der Integrität des Fleisches zusammen mit Integrität des Geistes war [*Vgl. SS, Frage [64], Artikel [3], ad 3; SS, Frage [124], Artikel [4], ad 2; SS, Frage [152], Artikel [1]].
Antwort auf Einwand 5: Jungfräulichkeit ist uns angeboren hinsichtlich dessen, was materiell an der Jungfräulichkeit ist: aber der Vorsatz, ewige Unversehrtheit zu bewahren, woher die Jungfräulichkeit ihr Verdienst ableitet, ist nicht angeboren, sondern kommt aus der Gabe der Gnade.
Antwort auf Einwand 6: Die sechzigfältige Frucht gebührt nicht jeder Witwe, sondern nur jenen, die den Vorsatz behalten, Witwen zu bleiben, auch wenn sie es nicht zum Gegenstand eines Gelübdes machen, so wie wir es in Bezug auf die Jungfräulichkeit gesagt haben.
Antwort auf Einwand 7: Wenn kaltblütige Personen und Eunuchen den Willen haben, ewige Unversehrtheit zu bewahren, auch wenn sie zum Geschlechtsverkehr fähig wären, müssen sie Jungfrauen genannt werden und verdienen die Aureole: denn sie machen aus der Not eine Tugend. Wenn sie andererseits den Willen haben zu heiraten, wenn sie könnten, verdienen sie die Aureole nicht. Daher sagt Augustinus (De Sancta Virgin. xxiv): „Für jene wie Eunuchen, deren Körper so geformt sind, dass sie unfähig sind zu zeugen, genügt es, wenn sie Christen werden und die Gebote Gottes halten, dass sie gesinnt sind, eine Frau zu haben, wenn sie könnten, um mit den Gläubigen gleichzuziehen, die verheiratet sind.“