Suppl., q. 96 a. 9
Ob den Engeln eine Aureole gebührt?
Quaestio 96 · Von den Aureolen
Einwand 1: Es scheint, dass den Engeln eine Aureole gebührt. Denn Hieronymus (Serm. de Assump. [*Ep. ad Paul. et Eustoch. ix]), der von der Jungfräulichkeit spricht, sagt: „Ohne das Fleisch zu leben, während man im Fleisch lebt, heißt eher als Engel denn als Mensch zu leben“: und eine Glosse zu 1 Kor 7,26, „Wegen der gegenwärtigen Not“, sagt, dass „Jungfräulichkeit der Anteil der Engel ist“. Da also eine Aureole der Jungfräulichkeit entspricht, scheint sie den Engeln zu gebühren.
Einwand 2: Ferner ist Unversehrtheit des Geistes vorzüglicher als Unversehrtheit des Fleisches. Nun gibt es Unversehrtheit des Geistes in den Engeln, da sie niemals gesündigt haben. Daher gebührt ihnen eine Aureole eher als Menschen, die unversehrt im Fleisch sind und die zu irgendeiner Zeit gesündigt haben.
Einwand 3: Ferner gebührt eine Aureole dem Lehren. Nun lehren uns Engel durch Reinigen, Erleuchten und Vervollkommnen [*Vgl. FP, Frage [111], Artikel [1]], wie Dionysius sagt (Hier. Eccles. vi). Daher gebührt ihnen zumindest die Aureole der Lehrer.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (2 Tim 2,5): „Er ... wird nicht gekrönt, er kämpfe denn rechtmäßig.“ Aber es gibt keinen Konflikt in den Engeln. Daher gebührt ihnen keine Aureole.
Ferner gebührt eine Aureole keinem Akt, der nicht durch den Körper vollzogen wird: weshalb sie Liebhabern der Jungfräulichkeit, des Martyriums oder des Lehrens nicht gebührt, wenn sie diese nicht äußerlich praktizieren. Aber Engel sind unkörperliche Geister. Daher haben sie keine Aureole.
Ich antworte darauf, dass den Engeln keine Aureole gebührt. Der Grund hierfür ist, dass eine Aureole, eigentlich gesprochen, einer Vollkommenheit von überragendem Verdienst entspricht. Nun sind jene Dinge, die im Menschen für vollkommenes Verdienst sorgen, den Engeln konnatural oder gehören zu ihrem allgemeinen Zustand oder zu ihrem wesentlichen Lohn. Weshalb die Engel keine Aureole in demselben Sinne haben, wie eine Aureole den Menschen gebührt.
Antwort auf Einwand 1: Jungfräulichkeit wird ein engelsgleiches Leben genannt, insofern Jungfrauen durch Gnade nachahmen, was Engel von Natur aus haben. Denn es ist nicht einer Tugend geschuldet, dass Engel sich gänzlich der Vergnügungen des Fleisches enthalten, da sie solcher Vergnügungen unfähig sind.
Antwort auf Einwand 2: Ewige Unversehrtheit des Geistes in den Engeln verdient ihren wesentlichen Lohn: weil sie für ihr Heil notwendig ist, da bei ihnen eine Wiederherstellung unmöglich ist, nachdem sie gefallen sind [*Vgl. FP, Frage [64], Artikel [2]].
Antwort auf Einwand 3: Die Akte, durch die die Engel uns lehren, gehören zu ihrer Herrlichkeit und ihrem allgemeinen Zustand: weshalb sie dadurch keine Aureole verdienen.