Suppl., q. 96 a. 8
Ob Christus eine Aureole gebührt?
Quaestio 96 · Von den Aureolen
Einwand 1: Es scheint, dass Christus eine Aureole gebührt. Denn eine Aureole gebührt der Jungfräulichkeit, dem Martyrium und dem Lehren. Nun waren diese drei in Christus vorzüglich vorhanden. Daher gebührt Ihm besonders eine Aureole.
Einwand 2: Ferner muss alles, was in menschlichen Dingen am vollkommensten ist, besonders Christus zugeschrieben werden. Nun gebührt eine Aureole als Lohn für vorzüglichste Verdienste. Daher gebührt sie auch Christus.
Einwand 3: Ferner sagt Cyprian (De Habit. Virg.), dass „Jungfräulichkeit eine Ähnlichkeit mit Gott trägt“. Daher ist das Urbild der Jungfräulichkeit in Gott. Daher scheint es, dass Christus sogar als Gott eine Aureole gebührt.
Dagegen spricht, dass eine Aureole als „Freude darüber, Christus gleichförmig zu sein“ beschrieben wird. Nun ist niemand sich selbst gleichförmig oder ähnlich, wie der Philosoph sagt (Metaph., lib. ix, 3). Daher gebührt Christus keine Aureole.
Ferner wurde Christi Lohn niemals vermehrt. Nun hatte Christus keine Aureole vom Moment seiner Empfängnis an, da Er damals noch nie gekämpft hatte. Daher hatte Er danach niemals eine Aureole.
Ich antworte darauf, dass es hierzu zwei Meinungen gibt. Denn einige sagen, dass Christus eine Aureole im strengen Sinne hat, da in Ihm sowohl Konflikt als auch Sieg ist, und folglich ein Kranz in seiner eigentlichen Bedeutung. Aber wenn wir die Frage sorgfältig betrachten, obwohl der Begriff der Aurea oder des Kranzes Christus angemessen ist, ist es der Begriff der Aureole nicht. Denn aus der bloßen Tatsache, dass Aureole ein Diminutivbegriff ist, folgt, dass sie etwas bezeichnet, das durch Teilhabe und nicht in seiner Fülle besessen wird. Weshalb eine Aureole jenen angemessen ist, die am vollkommenen Sieg teilhaben, indem sie Ihn nachahmen, in Dem die Fülle des vollkommenen Sieges verwirklicht ist. Und daher, da in Christus der Begriff des Sieges hauptsächlich und vollkommen gefunden wird, denn durch Seinen Sieg werden andere zu Siegern gemacht – wie durch die Worte von Joh 16,33 gezeigt wird: „Habt Vertrauen, ich habe die Welt überwunden“, und Offb 5,5: „Siehe, der Löwe aus dem Stamm Juda ... hat gesiegt“ – ist es für Christus nicht angemessen, eine Aureole zu haben, sondern etwas zu haben, von dem alle Aureolen abgeleitet sind. Daher steht geschrieben (Offb 3,21): „Dem, der überwindet, werde ich geben, mit Mir auf Meinem Thron zu sitzen, wie auch Ich überwunden habe und mich gesetzt habe auf den Thron Meines Vaters [Vulg.: ‚Mit Meinem Vater auf Seinem Thron‘].“ Daher müssen wir mit anderen sagen, dass, obwohl es nichts von der Natur einer Aureole in Christus gibt, es dennoch etwas Vorzüglicheres als jede Aureole gibt.
Antwort auf Einwand 1: Christus war wahrhaftigst Jungfrau, Märtyrer und Lehrer; doch ist der entsprechende akzidentelle Lohn in Christus eine vernachlässigbare Größe im Vergleich zur Größe Seines wesentlichen Lohnes. Daher hat Er keine Aureole in ihrem eigentlichen Sinne.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die Aureole einem vollkommensten Werk gebührt, bezeichnet sie doch in Bezug auf uns, insofern sie ein Diminutivbegriff ist, die Teilhabe an einer Vollkommenheit, die von einem abgeleitet ist, in dem jene Vollkommenheit in ihrer Fülle gefunden wird. Dementsprechend impliziert sie eine gewisse Unterlegenheit, und so wird sie nicht in Christus gefunden, in Dem die Fülle jeder Vollkommenheit ist.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Jungfräulichkeit in gewisser Weise ihr Urbild in Gott hat, ist jenes Urbild nicht homogen. Denn die Unversehrtheit Gottes, die die Jungfräulichkeit nachahmt, ist nicht auf dieselbe Weise in Gott wie in einer Jungfrau.