Suppl., q. 96 a. 4
Ob den drei Teilen der Enthaltsamkeit passenderweise drei Früchte zugewiesen werden?
Quaestio 96 · Von den Aureolen
Einwand 1: Es scheint, dass den drei Teilen der Enthaltsamkeit unpassenderweise drei Früchte zugewiesen werden: weil zwölf Früchte des Geistes zugewiesen werden, „Liebe, Freude, Friede“ usw. (Gal 5,22). Daher sollten wir anscheinend nur drei rechnen.
Einwand 2: Ferner bezeichnet Frucht einen besonderen Lohn. Nun ist der Lohn, der Jungfrauen, Witwen und verheirateten Personen zugewiesen wird, kein besonderer Lohn, weil alle, die gerettet werden sollen, unter einem dieser drei begriffen sind, da niemand gerettet wird, dem die Enthaltsamkeit fehlt, und die Enthaltsamkeit durch diese drei angemessen eingeteilt wird. Daher werden den drei Vorgenannten unpassenderweise drei Früchte zugewiesen.
Einwand 3: Ferner, so wie der Witwenstand die eheliche Enthaltsamkeit übertrifft, so übertrifft die Jungfräulichkeit den Witwenstand. Aber der Überschuss von sechzigfach über dreißigfach ist nicht wie der Überschuss von hundertfach über sechzigfach; weder in arithmetischer Proportion, da sechzig dreißig um dreißig übersteigt, und hundert sechzig um vierzig übersteigt; noch in geometrischer Proportion, da sechzig das Doppelte von dreißig ist und hundert sechzig übertrifft, indem es das Ganze und zwei Drittel davon enthält. Daher sind die Früchte den Graden der Enthaltsamkeit unpassenderweise angepasst.
Einwand 4: Ferner gelten die Aussagen, die in der Heiligen Schrift enthalten sind, für alle Zeit: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Lk 21,33): wohingegen menschliche Einrichtungen jeden Tag dem Wandel unterworfen sind. Daher sind menschliche Einrichtungen nicht als Kriterium für die Aussagen der Heiligen Schrift zu nehmen: und es scheint folglich, dass die Erklärung dieser Früchte, die von Beda gegeben wird, unpassend ist. Denn er sagt (Expos. in Luc. iii, 8), dass „die dreißigfältige Frucht den verheirateten Personen zugewiesen wird, weil in den Zeichen, die auf dem ‚Abakus‘ gezeichnet werden, die Zahl 30 durch den Daumen und Zeigefinger bezeichnet wird, die einander an den Spitzen berühren, als ob sie einander küssten: so dass die Zahl 30 die Umarmungen der verheirateten Personen bezeichnet. Die Zahl 60 wird durch den Kontakt des Zeigefingers über dem mittleren Gelenk des Daumens bezeichnet, so dass der Zeigefinger, indem er über dem Daumen liegt und auf ihn drückt, die Last bezeichnet, die Witwen in dieser Welt zu tragen haben. Wenn wir jedoch im Laufe der Zählung zur Zahl 100 kommen, wechseln wir von der linken zur rechten Hand, so dass die Zahl 100 die Jungfräulichkeit bezeichnet, die einen Anteil an der engelgleichen Vorzüglichkeit hat; denn die Engel sind zur Rechten, d.h. in der Herrlichkeit, während wir zur Linken sind wegen der Unvollkommenheit des gegenwärtigen Lebens.“
Ich antworte darauf, dass der Mensch durch Enthaltsamkeit, der die Frucht entspricht, zu einer Art geistiger Natur gebracht wird, indem er sich von fleischlichen Dingen zurückzieht. Folglich werden verschiedene Früchte unterschieden gemäß den verschiedenen Arten der Geistigkeit, die aus der Enthaltsamkeit resultieren. Nun gibt es eine gewisse Geistigkeit, die notwendig ist, und eine, die überreichlich ist. Die Geistigkeit, die notwendig ist, besteht in der Geradheit des Geistes, der nicht durch die Vergnügungen des Fleisches gestört wird: und dies herrscht vor, wenn man fleischliche Vergnügungen gemäß der Ordnung der rechten Vernunft gebraucht. Dies ist die Geistigkeit der verheirateten Personen. Geistigkeit ist überreichlich, wenn ein Mensch sich gänzlich von jenen fleischlichen Vergnügungen zurückzieht, die den Geist ersticken. Dies kann auf zwei Weisen geschehen: entweder in Bezug auf alle Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und dies ist die Geistigkeit der Jungfrauen; oder in Bezug auf eine bestimmte Zeit, und dies ist die Geistigkeit der Witwen. Dementsprechend wird jenen, die die eheliche Enthaltsamkeit bewahren, die dreißigfältige Frucht zuerkannt; jenen, die die Enthaltsamkeit der Witwen bewahren, die sechzigfältige Frucht; und jenen, die die jungfräuliche Enthaltsamkeit bewahren, die hundertfältige Frucht: und dies aus dem von Beda oben zitierten Grund, obwohl ein anderes Motiv in der Natur der Zahlen selbst gefunden werden kann. Denn 30 ist das Produkt von 3 multipliziert mit 10. Nun ist 3 die Zahl von allem, wie in De Coelo et Mundo i dargelegt, und enthält eine gewisse Vollkommenheit, die allem gemeinsam ist, nämlich von Anfang, Mitte und Ende. Daher wird die Zahl 30 passenderweise den verheirateten Personen zugewiesen, bei denen keine andere Vollkommenheit zur Befolgung des Dekalogs, bezeichnet durch die Zahl 10, hinzugefügt wird als die allgemeine Vollkommenheit, ohne die es kein Heil gibt. Die Zahl sechs, deren Multiplikation mit 10 sich auf 60 beläuft, hat Vollkommenheit aus ihren Teilen, da sie das Aggregat aller ihrer Teile zusammengenommen ist; daher entspricht sie passenderweise dem Witwenstand, worin wir vollkommenen Rückzug von fleischlichen Vergnügungen hinsichtlich aller seiner Umstände finden (die sozusagen die Teile eines tugendhaften Aktes sind), da der Witwenstand keine fleischlichen Vergnügungen in Verbindung mit irgendeiner Person, einem Ort oder irgendeinem anderen Umstand gebraucht; was bei der ehelichen Enthaltsamkeit nicht der Fall war. Die Zahl 100 entspricht passenderweise der Jungfräulichkeit; weil die Zahl 10, von der 100 ein Vielfaches ist, die Grenze der Zahlen ist: und in gleicher Weise nimmt die Jungfräulichkeit die Grenze der Geistigkeit ein, da ihr keine weitere Geistigkeit hinzugefügt werden kann. Die Zahl 100, die auch eine Quadratzahl ist, hat Vollkommenheit aus ihrer Figur: denn eine quadratische Figur ist vollkommen, indem sie auf allen Seiten gleich ist, da alle ihre Seiten gleich sind: daher ist sie der Jungfräulichkeit angepasst, worin Unversehrtheit gleichermaßen zu allen Zeiten gefunden wird.
Antwort auf Einwand 1: Frucht wird dort nicht in dem Sinne genommen, in dem wir sie jetzt nehmen.
Antwort auf Einwand 2: Nichts zwingt uns zu der Annahme, dass Frucht ein Lohn ist, der nicht allen gemeinsam ist, die gerettet werden. Denn nicht nur der wesentliche Lohn ist allen gemeinsam, sondern auch ein gewisser akzidenteller Lohn, wie die Freude an jenen Werken, ohne die man nicht gerettet werden kann. Doch kann gesagt werden, dass die Früchte nicht allen zukommen, die gerettet werden, wie es offensichtlich der Fall ist bei jenen, die am Ende bereuen, nachdem sie ein unenthaltsames Leben geführt haben, denn solchen gebührt keine Frucht, sondern nur der wesentliche Lohn.
Antwort auf Einwand 3: Die Unterscheidung der Früchte ist eher gemäß der Art und den Figuren der Zahlen zu nehmen als gemäß ihrer Quantität. Dennoch, selbst wenn wir den Überschuss in Bezug auf die Quantität betrachten, können wir eine Erklärung finden. Denn der verheiratete Mann enthält sich nur von einer, die nicht die seine ist, die Witwe von beiden, der ihren und der nicht ihren, so dass wir im letzteren Fall den Begriff des Doppelten finden, so wie 60 das Doppelte von 30 ist. Wiederum ist 100 gleich 60 + 40, welche letztere Zahl das Produkt von 4 x 10 ist, und die Zahl 4 ist die erste körperliche und quadratische Zahl. So ist die Hinzufügung dieser Zahl der Jungfräulichkeit angemessen, die der Vollkommenheit des Witwenstandes ewige Unversehrtheit hinzufügt.
Antwort auf Einwand 4: Obwohl diese numerischen Zeichen eine menschliche Einrichtung sind, sind sie etwas auf der Natur der Dinge begründet, insofern die Zahlen in Abstufung bezeichnet werden, gemäß der Ordnung der vorgenannten Gelenke und Kontakte.