Suppl., q. 71 a. 9
Ob die Gebete der Kirche, das Opfer des Altars und Almosen den Verstorbenen nützen?
Quaestio 71 · Von den Fürbitten für die Verstorbenen
Einwand 1: Es scheint, dass die Seelen der Verstorbenen nicht nur durch die Gebete der Kirche, das Opfer des Altars und Almosen unterstützt werden, oder dass sie nicht hauptsächlich durch sie unterstützt werden. Denn Strafe sollte Strafe kompensieren. Nun ist Fasten strafender als Almosengeben oder Gebet. Also nützt Fasten als Fürbitte mehr als jedes der oben genannten.
Einwand 2: Ferner zählt Gregor das Fasten zusammen mit diesen drei auf, wie in den Dekretalen (xiii, Q. ii, Cap. 22) angegeben: "Die Seelen der Verstorbenen werden auf vier Weisen erlöst, entweder durch die Opfergaben der Priester oder die Almosen ihrer Freunde oder die Gebete der Heiligen oder das Fasten ihrer Verwandten." Also werden die drei oben genannten von Augustinus (De Cura pro Mort. xviii) unzureichend aufgezählt.
Einwand 3: Ferner ist die Taufe das größte der Sakramente, besonders was ihre Wirkung betrifft. Also sollten die Taufe und andere Sakramente gleichermaßen oder mehr als das Sakrament des Altars für die Verstorbenen dargebracht werden.
Einwand 4: Ferner scheint dies aus den Worten von 1 Kor 15,29 zu folgen: "Wenn die Toten überhaupt nicht auferstehen, warum lassen sie sich dann für sie taufen?" Also nützt die Taufe als Fürbitte für die Toten.
Einwand 5: Ferner gibt es in verschiedenen Messen dasselbe Opfer des Altars. Wenn also das Opfer und nicht die Messe zu den Fürbitten gerechnet wird, scheint es, dass die Wirkung dieselbe wäre, welche Messe auch immer für eine verstorbene Person gelesen wird, ob zu Ehren der seligen Jungfrau oder des Heiligen Geistes oder irgendeiner anderen. Doch dies scheint im Widerspruch zur Anordnung der Kirche zu stehen, die eine spezielle Messe für die Toten bestimmt hat.
Einwand 6: Ferner lehrt der Damaszener (Serm.: De his qui in fide dormierunt), dass Kerzen und Öl für die Toten dargebracht werden sollten. Also sollte nicht nur die Darbringung des Opfers des Altars, sondern auch andere Opfergaben zu den Fürbitten für die Toten gerechnet werden.
Ich antworte darauf: Die Fürbitten der Lebenden nützen den Toten, insofern letztere mit den Lebenden in der Liebe vereint sind und insofern die Intention der Lebenden auf die Toten gerichtet ist. Folglich sind jene Werke von Natur aus am besten geeignet, den Toten zu helfen, die hauptsächlich zur Mitteilung der Liebe oder zur Ausrichtung der eigenen Intention auf eine andere Person gehören. Nun gehört das Sakrament der Eucharistie hauptsächlich zur Liebe, da es das Sakrament der kirchlichen Einheit ist, insofern es den enthält, in dem die ganze Kirche vereint und inkorporiert ist, nämlich Christus: weshalb die Eucharistie gleichsam der Ursprung und das Band der Liebe ist. Wiederum ist unter den Wirkungen der Liebe das Werk des Almosengebens das vornehmste: weshalb seitens der Liebe diese zwei, nämlich das Opfer der Kirche und das Almosengeben, die vornehmsten Fürbitten für die Toten sind. Aber seitens der auf die Toten gerichteten Intention ist die vornehmste Fürbitte das Gebet, weil das Gebet seiner Natur nach eine Beziehung nicht nur zu der Person impliziert, die betet, so wie andere Werke es tun, sondern noch direkter zu dem, wofür wir beten. Daher werden diese drei als die vornehmsten Mittel gerechnet, den Toten zu helfen, obwohl wir zugeben müssen, dass alle anderen Güter, die aus Liebe für die Toten getan werden, ihnen nützlich sind.
Antwort auf Einwand 1: Wenn eine Person für eine andere Genugtuung leistet, ist der Punkt, der zu betrachten ist, damit die Wirkung ihrer Genugtuung die andere erreicht, eher die Sache, wodurch die Genugtuung des einen auf den anderen übergeht, als sogar die Strafe, die im Wege der Genugtuung erlitten wird; obwohl die Strafe die Schuld dessen, der Genugtuung leistet, mehr sühnt, insofern sie eine Art Medizin ist. Und folglich sind die drei genannten für die Verstorbenen nützlicher als das Fasten.
Antwort auf Einwand 2: Es ist wahr, dass Fasten den Verstorbenen aufgrund der Liebe und aufgrund der auf die Verstorbenen gerichteten Intention nützen kann. Dennoch enthält das Fasten seiner Natur nach nichts, was zur Liebe oder zur Ausrichtung der Intention gehört, und diese Dinge sind ihm gleichsam äußerlich, und aus diesem Grund rechnete Augustinus das Fasten nicht zu den Fürbitten für die Toten, während Gregor es dazu rechnete.
Antwort auf Einwand 3: Die Taufe ist eine geistliche Wiedergeburt, weshalb, so wie durch Zeugung das Sein nur dem gezeugten Objekt zuwächst, so die Taufe ihre Wirkung nur in der getauften Person hervorbringt, was die vollzogene Tat betrifft: und doch kann sie, was die Tat des Handelnden betrifft, ob des Taufenden oder des Getauften, anderen nützen, so wie andere verdienstliche Werke. Andererseits ist die Eucharistie das Zeichen der kirchlichen Einheit, weshalb aufgrund der vollzogenen Tat ihre Wirkung auf einen anderen übergehen kann, was bei den anderen Sakramenten nicht der Fall ist.
Antwort auf Einwand 4: Gemäß einer Glosse kann diese Stelle auf zwei Weisen ausgelegt werden. Erstens so: "Wenn die Toten nicht auferstehen, noch Christus auferstanden ist, warum werden sie dann für sie getauft? d.h. für Sünden, da sie nicht vergeben sind, wenn Christus nicht auferstanden ist, weil in der Taufe nicht nur Christi Leiden, sondern auch seine Auferstehung wirkt, denn letztere ist in gewissem Sinne die Ursache unserer geistlichen Auferstehung." Zweitens so: Es gab einige irregeleitete Personen, die für jene getauft wurden, die ohne Taufe aus diesem Leben geschieden waren, in der Meinung, dass dies ihnen nützen würde: und gemäß dieser Erklärung spricht der Apostel in den obigen Worten lediglich gemäß der Meinung gewisser Personen.
Antwort auf Einwand 5: Im Offizium der Messe gibt es nicht nur ein Opfer, sondern auch Gebete. Daher enthält die Fürbitte der Messe zwei der von Augustinus (De Cura pro Mort. xviii) erwähnten Dinge, nämlich "Gebet" und "Opfer". Was das dargebrachte Opfer betrifft, nützt die Messe den Verstorbenen gleichermaßen, egal zu wessen Ehre sie gelesen wird: und dies ist die Hauptsache, die in der Messe getan wird. Aber was die Gebete betrifft, ist jene Messe am nützlichsten, in der die Gebete für diesen Zweck bestimmt sind. Dennoch kann dieser Mangel durch die größere Andacht ausgeglichen werden, entweder dessen, der die Messe liest, oder dessen, der die Messe bestellt, oder wiederum durch die Fürsprache des Heiligen, dessen Fürbitte in der Messe erfleht wird.
Antwort auf Einwand 6: Diese Darbringung von Kerzen oder Öl kann den Verstorbenen nützen, insofern sie eine Art Almosen sind: denn sie werden für den Gottesdienst der Kirche oder für den Gebrauch der Gläubigen gegeben.