Suppl., q. 71 a. 2
Ob die Toten durch die Werke der Lebenden unterstützt werden können?
Quaestio 71 · Von den Fürbitten für die Verstorbenen
Einwand 1: Es scheint, dass die Toten nicht durch die Werke der Lebenden unterstützt werden können. Erstens, weil der Apostel sagt (2 Kor 5,10): "Wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder empfange, was er durch den Leib gewirkt hat, je nachdem er gehandelt hat." Daher kann einem Menschen nichts aus den Werken anderer zuwachsen, die nach seinem Tod getan werden und wenn er nicht mehr im Leibe ist.
Einwand 2: Ferner scheint dies auch aus den Worten von Offb 14,13 zu folgen: "Selig sind die Toten, die im Herrn sterben... denn ihre Werke folgen ihnen nach."
Einwand 3: Ferner gehört es nur zu einem, der auf dem Weg (Pilger) ist, aufgrund einer Tat voranzukommen. Nun sind die Menschen nach dem Tod keine Pilger mehr, weil sich auf sie die Worte von Ijob 19,8 beziehen: "Er hat meinen Weg ringsum eingezäunt, und ich kann nicht hinüber." Daher können die Toten nicht durch die Fürbitten einer Person unterstützt werden.
Einwand 4: Ferner wird niemand durch die Tat eines anderen unterstützt, es sei denn, es besteht eine Lebensgemeinschaft zwischen ihnen. Nun gibt es keine Gemeinschaft zwischen den Toten und den Lebenden, wie der Philosoph sagt (Ethic. i, 11). Also nützen die Fürbitten der Lebenden den Toten nicht.
Dagegen spricht das Wort aus 2 Makk 12,46: "Es ist... ein heiliger und heilsamer Gedanke, für die Toten zu beten, damit sie von Sünden erlöst werden." Dies wäre aber nicht nützlich, wenn es ihnen keine Hilfe wäre. Also nützen die Fürbitten der Lebenden den Toten.
Ferner sagt Augustinus (De Cura pro Mort. i): "Von nicht geringem Gewicht ist die Autorität der Kirche, wodurch sie eindeutig den Brauch billigt, dass eine Empfehlung der Toten ihren Platz in den Gebeten hat, die die Priester dem Herrn Gott an seinem Altar darbringen." Dieser Brauch wurde von den Aposteln selbst eingeführt, gemäß dem Damaszener in einer Predigt über Fürbitten für die Toten [*De his qui in fide dormierunt, 3], wo er sich so ausdrückt: "Die Jünger des Erlösers und seine heiligen Apostel, die die Natur der Mysterien erkannten, ordneten an, dass ein Gedenken an jene, die im Glauben gestorben waren, in den ehrfurchtgebietenden und lebensspendenden Mysterien erfolgen sollte." Dies wird auch durch die Autorität des Dionysius (Hier. Eccl.) bestätigt, wo er den Ritus der frühen Kirche beim Gebet für die Toten erwähnt und überdies behauptet, dass die Fürbitten der Lebenden den Toten nützen. Daher müssen wir dies ohne jeden Zweifel glauben.
Ich antworte darauf: Die Liebe (Caritas), welche das Band ist, das die Glieder der Kirche vereint, erstreckt sich nicht nur auf die Lebenden, sondern auch auf die Toten, die in der Liebe sterben. Denn die Liebe, die das Leben der Seele ist, so wie die Seele das Leben des Leibes ist, hat kein Ende: "Die Liebe hört niemals auf" (1 Kor 13,8). Überdies leben die Toten im Gedächtnis der Lebenden: weshalb die Intention der Lebenden auf sie gerichtet werden kann. Daher nützen die Fürbitten der Lebenden den Toten auf zwei Weisen, so wie sie auch den Lebenden nützen, sowohl aufgrund des Bandes der Liebe als auch aufgrund der auf sie gerichteten Intention. Dennoch dürfen wir nicht glauben, dass die Fürbitten der Lebenden ihnen so nützen, dass sie ihren Zustand vom Unglück zum Glück oder umgekehrt verändern; sondern sie dienen zur Verminderung der Strafe oder zu etwas Ähnlichem, das keine Änderung des Zustandes der Toten beinhaltet.
Antwort auf Einwand 1: Der Mensch hat, während er im Leibe lebte, verdient, dass solche Dinge ihm nach dem Tod nützen sollten. Wenn er also nach diesem Leben dadurch unterstützt wird, ist dies dennoch das Ergebnis der Dinge, die er im Leibe getan hat.
Oder wir können gemäß Johannes von Damaskus in der oben zitierten Predigt antworten, dass sich diese Worte auf die Vergeltung beziehen, die beim Endgericht erfolgen wird, an ewiger Herrlichkeit oder ewigem Unglück: denn dann wird jeder nur empfangen, je nachdem er selbst im Leibe gehandelt hat. In der Zwischenzeit jedoch kann er durch die Fürbitten der Lebenden unterstützt werden.
Antwort auf Einwand 2: Die zitierten Worte beziehen sich ausdrücklich auf die Folge der ewigen Vergeltung, wie aus den Anfangsworten klar wird: "Selig sind die Toten", usw. Oder wir können antworten, dass Taten, die für sie getan werden, gewissermaßen ihre eigenen sind, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Seelen nach dem Tod streng genommen nicht im Zustand des Weges sind, sind sie doch in gewisser Hinsicht noch auf dem Weg, insofern sie eine Weile in ihrem Voranschreiten zu ihrer endgültigen Belohnung aufgehalten werden. Daher ist ihr Weg streng genommen ringsum eingezäunt, so dass sie durch keine Werke mehr in Bezug auf den Zustand des Glücks oder Unglücks verändert werden können. Doch ist ihr Weg nicht so eingezäunt, dass ihnen nicht von anderen geholfen werden könnte in der Angelegenheit ihrer Verzögerung beim Empfang ihrer endgültigen Belohnung, weil sie in dieser Hinsicht noch Pilger sind.
Antwort auf Einwand 4: Obwohl die Gemeinschaft bürgerlicher Taten, von der der Philosoph spricht, zwischen den Toten und den Lebenden unmöglich ist, weil die Toten außerhalb des bürgerlichen Lebens stehen, ist die Kommunikation des geistlichen Lebens zwischen ihnen möglich, denn jenes Leben gründet auf der Liebe zu Gott, für den die Geister der Toten leben.