Suppl., q. 71 a. 14
Ob allgemeine Fürbitten denen, für die keine speziellen Fürbitten dargebracht werden, so viel nützen, wie spezielle Fürbitten denen nützen, für die sie zusätzlich zu allgemeinen Fürbitten dargebracht werden?
Quaestio 71 · Von den Fürbitten für die Verstorbenen
Einwand 1: Es scheint, dass allgemeine Fürbitten denen, für die keine speziellen Fürbitten dargebracht werden, so viel nützen, wie spezielle Fürbitten denen nützen, für die sie zusätzlich zu allgemeinen Fürbitten dargebracht werden. Denn im kommenden Leben wird jeder nach seinen Verdiensten belohnt werden. Nun hat eine Person, für die keine Fürbitten dargebracht werden, verdient, nach dem Tod so viel unterstützt zu werden wie eine, für die spezielle Fürbitten dargebracht werden. Also wird erstere durch allgemeine Fürbitten so viel unterstützt werden wie letztere durch spezielle und allgemeine Fürbitten.
Einwand 3: Ferner ist die Eucharistie die vornehmste der Fürbitten der Kirche. Nun hat die Eucharistie, da sie Christus ganz enthält, sozusagen unendliche Wirksamkeit. Also ist eine Darbringung der Eucharistie für alle im Allgemeinen von ausreichendem Wert, um alle zu befreien, die im Fegefeuer sind: und folglich gewähren allgemeine Fürbitten allein so viel Hilfe wie spezielle und allgemeine Fürbitten zusammen.
Dagegen spricht: Zwei Güter sind wählenswerter als eines. Also sind spezielle Fürbitten zusammen mit allgemeinen Fürbitten für die Person, für die sie dargebracht werden, nützlicher als allgemeine Fürbitten allein.
Ich antworte darauf: Die Antwort auf diese Frage hängt von dem ab, was auf die zwölfte Untersuchung (Artikel [12]) geantwortet wurde: denn wenn die für eine Person im Besonderen dargebrachten Fürbitten unterschiedslos für alle nützen, dann sind alle Fürbitten gemeinsam; und folglich wird einer, für den die speziellen Fürbitten nicht dargebracht werden, so viel unterstützt werden wie derjenige, für den sie dargebracht werden, wenn er gleichermaßen würdig ist. Andererseits, wenn die für eine Person dargebrachten Fürbitten nicht allen unterschiedslos nützen, sondern hauptsächlich denen, für die sie dargebracht werden, dann besteht kein Zweifel, dass allgemeine und spezielle Fürbitten zusammen einer Person mehr nützen als allgemeine Fürbitten allein. Daher erwähnt der Magister im Text (Sent. iv, D, 45) zwei Meinungen: eine, wenn er sagt, dass ein reicher Mann aus allgemeinen zusammen mit speziellen Fürbitten einen gleichen Nutzen zieht wie den, den ein armer Mann aus speziellen Fürbitten allein zieht; denn obwohl der eine Hilfe aus mehr Quellen empfängt als der andere, empfängt er keine größere Hilfe: die andere Meinung erwähnt er, wenn er sagt, dass eine Person, für die spezielle Fürbitten dargebracht werden, eine schnellere, aber keine vollständigere Befreiung erlangt, weil jeder schließlich von aller Strafe befreit werden wird.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben gesagt (Artikel [12], ad 2), ist die aus Fürbitten abgeleitete Hilfe nicht direkt und einfach ein Gegenstand des Verdienstes, sondern gleichsam bedingt: daher beweist das Argument nichts.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die Macht Christi, der im Sakrament der Eucharistie enthalten ist, unendlich ist, gibt es doch eine bestimmte Wirkung, auf die jenes Sakrament gerichtet ist. Daher folgt nicht, dass die ganze Strafe derer, die im Fegefeuer sind, durch ein einziges Opfer des Altars gesühnt wird: ebenso wird ein Mensch durch das eine Opfer, das er darbringt, nicht von der gesamten Genugtuung befreit, die für seine Sünden geschuldet ist, weshalb manchmal mehrere Messen zur Genugtuung für eine Sünde auferlegt werden. Dennoch, wenn irgendetwas von speziellen Fürbitten für jene übrig bleibt, für die sie dargebracht werden (zum Beispiel, wenn sie sie nicht brauchen), können wir wohl glauben, dass dies durch Gottes Barmherzigkeit anderen gewährt wird, für die jene Fürbitten nicht dargebracht werden, wenn sie sie brauchen: wie vom Damaszener (Serm.: De his qui in fide dormierunt) bekräftigt wird, der sagt: "Wahrlich, Gott wird, insofern Er gerecht ist, die Fähigkeit dem Unfähigen anpassen und für einen Austausch von Mängeln sorgen": und dieser Austausch wird bewirkt, wenn das, was dem einen fehlt, durch einen anderen ergänzt wird.