I, q. 14 a. 9
Ob Gott Wissen von Dingen hat, die nicht sind?
Quaestio 14 · Vom Wissen Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott kein Wissen von Dingen hat, die nicht sind. Denn das Wissen Gottes ist von wahren Dingen. Aber „Wahrheit“ und „Sein“ sind austauschbare Begriffe. Also ist das Wissen Gottes nicht von Dingen, die nicht sind.
Einwand 2: Ferner erfordert Wissen Ähnlichkeit zwischen dem Erkennenden und dem erkannten Ding. Aber jene Dinge, die nicht sind, können keine Ähnlichkeit mit Gott haben, der das Sein selbst ist. Also kann das, was nicht ist, nicht von Gott erkannt werden.
Einwand 3: Ferner ist das Wissen Gottes die Ursache dessen, was von ihm erkannt wird. Aber es ist nicht die Ursache von Dingen, die nicht sind, weil ein Ding, das nicht ist, keine Ursache hat. Also hat Gott kein Wissen von Dingen, die nicht sind.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt: „Der ... das ruft, was nicht ist, wie das, was ist“ (Röm 4,17).
Ich antworte darauf, dass Gott alle Dinge, was auch immer sie sind, die in irgendeiner Weise sind, erkennt. Nun ist es möglich, dass Dinge, die absolut nicht sind, in einem gewissen Sinne sind. Denn Dinge sind absolut, die aktuell sind; wohingegen Dinge, die nicht aktuell sind, in der Macht entweder Gottes selbst oder eines Geschöpfes sind, sei es in aktiver Macht oder passiver; sei es in der Macht des Denkens oder der Einbildungskraft oder irgendeiner anderen Art von Bedeutung. Was auch immer daher vom Geschöpf gemacht oder gedacht oder gesagt werden kann, wie auch alles, was er selbst tun kann, alles ist Gott bekannt, obwohl es nicht aktuell ist. Und insofern kann gesagt werden, dass er Wissen sogar von Dingen hat, die nicht sind.
Nun ist ein gewisser Unterschied in der Betrachtung jener Dinge zu beachten, die nicht aktuell sind. Denn obwohl einige von ihnen jetzt nicht im Akt sein mögen, waren sie doch, oder sie werden sein; und von all diesen sagt man, dass Gott sie mit dem Wissen der Schau (scientia visionis) erkennt: denn da Gottes Akt des Verstehens, der sein Sein ist, an der Ewigkeit gemessen wird; und da die Ewigkeit ohne Aufeinanderfolge ist und alle Zeit umfasst, erstreckt sich der gegenwärtige Blick Gottes über alle Zeit und auf alle Dinge, die in irgendeiner Zeit existieren, als auf ihm gegenwärtige Objekte. Aber es gibt andere Dinge in Gottes Macht oder der des Geschöpfes, die dennoch nicht sind, noch sein werden, noch waren; und hinsichtlich dieser sagt man, dass er Wissen hat, nicht der Schau, sondern der einfachen Einsicht (simplex intelligentia). Dies wird so genannt, weil die Dinge, die wir um uns herum sehen, ein getrenntes Sein außerhalb des Sehenden haben.
Antwort auf Einwand 1: Jene Dinge, die nicht aktuell sind, sind wahr, insofern sie in Potenz sind; denn es ist wahr, dass sie in Potenz sind; und als solche werden sie von Gott erkannt.
Antwort auf Einwand 2: Da Gott das Sein selbst ist, ist alles, insofern es an der Ähnlichkeit Gottes teilhat; wie alles heiß ist, insofern es an der Hitze teilhat. So werden Dinge in Potenz von Gott erkannt, obwohl sie nicht im Akt sind.
Antwort auf Einwand 3: Das Wissen Gottes, verbunden mit seinem Willen, ist die Ursache der Dinge. Daher ist es nicht notwendig, dass, was auch immer Gott weiß, ist oder war oder sein wird; sondern dies ist nur notwendig hinsichtlich dessen, was er will, dass es sei, oder zulässt, dass es sei. Ferner ist es im Wissen Gottes nicht, dass sie seien, sondern dass sie möglich seien.