I, q. 14 a. 16
Ob Gott ein spekulatives Wissen von den Dingen hat?
Quaestio 14 · Vom Wissen Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott kein spekulatives Wissen von den Dingen hat. Denn das Wissen Gottes ist die Ursache der Dinge, wie oben gezeigt (Artikel [8]). Aber spekulatives Wissen ist nicht die Ursache der erkannten Dinge. Also ist das Wissen Gottes nicht spekulativ.
Einwand 2: Ferner kommt spekulatives Wissen durch Abstraktion von den Dingen; was nicht zum göttlichen Wissen gehört. Also ist das Wissen Gottes nicht spekulativ.
Dagegen spricht: Was auch immer das Vorzüglichere ist, muss Gott zugeschrieben werden. Aber spekulatives Wissen ist vorzüglicher als praktisches Wissen, wie der Philosoph am Anfang der Metaphysik sagt. Also hat Gott ein spekulatives Wissen von den Dingen.
Ich antworte darauf, dass manches Wissen nur spekulativ ist; manches nur praktisch; und manches teils spekulativ und teils praktisch. Zum Beweis dessen muss beobachtet werden, dass Wissen auf drei Weisen spekulativ genannt werden kann: erstens auf Seiten der erkannten Dinge, die vom Erkennenden nicht machbar sind; solches ist das Wissen des Menschen über natürliche oder göttliche Dinge. Zweitens hinsichtlich der Art des Erkennens – wie zum Beispiel, wenn ein Baumeister ein Haus betrachtet, indem er definiert und teilt und betrachtet, was ihm im Allgemeinen zukommt: denn dies heißt, machbare Dinge auf spekulative Weise zu betrachten und nicht als praktisch machbar; denn machbar bedeutet die Anwendung der Form auf die Materie und nicht die Auflösung des Zusammengesetzten in seine universalen formalen Prinzipien. Drittens hinsichtlich des Ziels; „denn der praktische Intellekt unterscheidet sich in seinem Ziel vom spekulativen“, wie der Philosoph sagt (De Anima iii). Denn der praktische Intellekt ist auf das Ziel der Operation geordnet; wohingegen das Ziel des spekulativen Intellekts die Betrachtung der Wahrheit ist. Daher, wenn ein Baumeister betrachten würde, wie ein Haus gemacht werden kann, ohne dies auf das Ziel der Operation zu ordnen, sondern nur um zu wissen (wie man es tut), wäre dies nur eine spekulative Betrachtung hinsichtlich des Ziels, obwohl sie ein machbares Ding betrifft. Deshalb ist Wissen, das aufgrund des Dinges selbst, das erkannt wird, spekulativ ist, bloß spekulativ. Aber dasjenige, das entweder in seiner Weise oder hinsichtlich seines Ziels spekulativ ist, ist teils spekulativ und teils praktisch: und wenn es auf ein operatives Ziel geordnet ist, ist es einfachhin praktisch.
In Übereinstimmung damit muss daher gesagt werden, dass Gott von sich selbst nur ein spekulatives Wissen hat; denn er selbst ist nicht machbar. Aber von allen anderen Dingen hat er sowohl spekulatives als auch praktisches Wissen. Er hat spekulatives Wissen hinsichtlich der Weise; denn was auch immer wir spekulativ in den Dingen erkennen, indem wir definieren und teilen, all dies erkennt Gott viel vollkommener.
Nun hat er von Dingen, die er machen kann, aber zu keiner Zeit macht, kein praktisches Wissen, insofern Wissen vom Ziel her praktisch genannt wird. Aber er hat ein praktisches Wissen von dem, was er in irgendeinem Zeitabschnitt macht. Und hinsichtlich übler Dinge, obwohl sie nicht von ihm machbar sind, fallen sie doch unter sein praktisches Wissen, wie gute Dinge, insofern er sie zulässt oder hindert oder lenkt; wie auch Krankheiten unter das praktische Wissen des Arztes fallen, insofern er sie durch seine Kunst heilt.
Antwort auf Einwand 1: Das Wissen Gottes ist die Ursache, zwar nicht seiner selbst, aber anderer Dinge. Er ist aktuell die Ursache von einigen, das heißt, von Dingen, die in irgendeinem Zeitabschnitt entstehen; und er ist virtuell die Ursache von anderen, das heißt, von Dingen, die er machen kann und die dennoch niemals gemacht werden.
Antwort auf Einwand 2: Die Tatsache, dass Wissen von erkannten Dingen abgeleitet wird, gehört nicht wesentlich zum spekulativen Wissen, sondern nur akzidentell, insofern es menschlich ist.
Als Antwort auf das, was dagegen eingewandt wird, müssen wir sagen, dass vollkommenes Wissen von machbaren Dingen nur erlangbar ist, wenn sie erkannt werden, insofern sie machbar sind. Da also das Wissen Gottes in jeder Weise vollkommen ist, muss er wissen, was von ihm machbar ist, formal als solches, und nicht nur, insofern sie spekulativ sind. Dennoch beeinträchtigt dies nicht den Adel seines spekulativen Wissens, insofern er alle Dinge außer sich selbst in sich selbst sieht und er sich selbst spekulativ erkennt; und so besitzt er im spekulativen Wissen seiner selbst sowohl spekulatives als auch praktisches Wissen von allen anderen Dingen.