I, q. 14 a. 3
Ob Gott sich selbst begreift?
Quaestio 14 · Vom Wissen Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott sich selbst nicht begreift. Denn Augustinus sagt (Octog. Tri. Quaest. xv), dass „alles, was sich selbst begreift, hinsichtlich seiner selbst endlich ist“. Aber Gott ist in jeder Hinsicht unendlich. Also begreift er sich selbst nicht.
Einwand 2: Wenn gesagt wird, dass Gott für uns unendlich ist, für sich selbst aber endlich, so kann dagegen eingewandt werden, dass alles in Gott wahrer ist, als es in uns ist. Wenn also Gott für sich selbst endlich ist, aber für uns unendlich, dann ist Gott wahrhaftiger endlich als unendlich; was gegen das ist, was oben festgelegt wurde (Frage [7], Artikel [1]). Also begreift Gott sich selbst nicht.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Octog. Tri. Quaest. xv): „Alles, was sich selbst versteht, begreift sich selbst.“ Aber Gott versteht sich selbst. Also begreift er sich selbst.
Ich antworte darauf, dass Gott sich selbst vollkommen begreift, was so bewiesen werden kann. Ein Ding wird als begriffen bezeichnet, wenn das Ziel seiner Erkenntnis erreicht ist, und dies ist vollbracht, wenn es so vollkommen erkannt wird, wie es erkennbar ist; so wird zum Beispiel eine beweisbare Proposition begriffen, wenn sie durch Beweis erkannt wird, nicht jedoch, wenn sie durch irgendeinen wahrscheinlichen Grund erkannt wird. Nun ist es offensichtlich, dass Gott sich selbst so vollkommen erkennt, wie er vollkommen erkennbar ist. Denn alles ist erkennbar gemäß der Weise seiner eigenen Aktualität; da ein Ding nicht erkannt wird, insofern es in Potenz ist, sondern insofern es in Aktualität ist, wie in Metaph. ix gesagt wird. Nun ist die Kraft Gottes im Erkennen so groß wie seine Aktualität im Sein; denn aufgrund der Tatsache, dass er im Akt und frei von aller Materie und Potenz ist, ist Gott erkennend, wie oben gezeigt (Artikel [1], 2). Daher ist es offensichtlich, dass er sich selbst so sehr erkennt, wie er erkennbar ist; und aus diesem Grund begreift er sich selbst vollkommen.
Antwort auf Einwand 1: Die strikte Bedeutung von „Begreifen“ (comprehensio) besagt, dass ein Ding ein anderes hält und einschließt; und in diesem Sinne ist alles Begriffene endlich, wie auch alles, was in einem anderen eingeschlossen ist. Aber Gott wird nicht in diesem Sinne als von sich selbst begriffen bezeichnet, als ob sein Intellekt ein von ihm getrenntes Vermögen wäre und als ob er sich selbst hielte und einschlöße; denn diese Redeweisen sind im Sinne der Verneinung zu nehmen. Aber wie Gott als in sich selbst seiend bezeichnet wird, insofern er von nichts außerhalb seiner selbst enthalten wird; so wird er als von sich selbst begriffen bezeichnet, insofern ihm nichts in ihm selbst verborgen ist. Denn Augustinus sagt (De Vid. Deum. ep. cxii): „Das Ganze wird begriffen, wenn es gesehen wird, sofern es auf solche Weise gesehen wird, dass nichts von ihm dem Sehenden verborgen ist.“
Antwort auf Einwand 2: Wenn gesagt wird: „Gott ist sich selbst endlich“, so ist dies gemäß einer gewissen Ähnlichkeit der Proportion zu verstehen, weil er dieselbe Beziehung darin hat, seinen Intellekt nicht zu übersteigen, wie irgendetwas Endliches darin hat, den endlichen Intellekt nicht zu übersteigen. Aber Gott ist nicht in diesem Sinne als sich selbst endlich zu bezeichnen, als ob er verstünde, dass er selbst etwas Endliches sei.