I, q. 14 a. 14
Ob Gott aussagbare Dinge (Enuntiabilia) erkennt?
Quaestio 14 · Vom Wissen Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott keine aussagbaren Dinge erkennt. Denn aussagbare Dinge zu erkennen, gehört zu unserem Intellekt, wie er zusammensetzt und trennt. Aber im göttlichen Intellekt gibt es keine Zusammensetzung. Also erkennt Gott keine aussagbaren Dinge.
Einwand 2: Ferner geschieht jede Art von Wissen durch irgendeine Ähnlichkeit. Aber in Gott gibt es keine Ähnlichkeit von aussagbaren Dingen, da er gänzlich einfach ist. Also erkennt Gott keine aussagbaren Dinge.
Dagegen spricht, was geschrieben steht: „Der Herr kennt die Gedanken der Menschen“ (Ps 93,11). Aber aussagbare Dinge sind in den Gedanken der Menschen enthalten. Also erkennt Gott aussagbare Dinge.
Ich antworte darauf, dass, da es in der Macht unseres Intellekts liegt, Aussagen zu bilden, und da Gott alles weiß, was in seiner eigenen Macht oder in der der Geschöpfe ist, wie oben gesagt (Artikel [9]), notwendigerweise folgt, dass Gott alle Aussagen kennt, die gebildet werden können.
Nun erkennt er, so wie er materielle Dinge immateriell und zusammengesetzte Dinge einfach erkennt, ebenso aussagbare Dinge nicht nach der Art von aussagbaren Dingen, als ob in seinem Intellekt Zusammensetzung oder Trennung von Aussagen wäre; denn er erkennt jedes Ding durch einfache Einsicht, indem er die Wesenheit eines jeden Dinges versteht; als ob wir durch die bloße Tatsache, dass wir verstehen, was der Mensch ist, alles verstünden, was vom Menschen ausgesagt werden kann. Dies geschieht jedoch nicht in unserem Intellekt, der von einem Ding zum anderen diskurriert, insofern die intelligible Spezies ein Ding auf solche Weise repräsentiert, dass sie ein anderes nicht repräsentiert. Daher verstehen wir, wenn wir verstehen, was der Mensch ist, nicht sogleich andere Dinge, die zu ihm gehören, sondern wir verstehen sie eines nach dem anderen, gemäß einer gewissen Aufeinanderfolge. Aus diesem Grund müssen wir die Dinge, die wir als getrennt verstehen, auf eines zurückführen durch den Weg der Zusammensetzung oder Trennung, indem wir eine Aussage bilden. Nun genügt die Spezies des göttlichen Intellekts, welche Gottes Wesenheit ist, um alle Dinge zu repräsentieren. Daher erkennt Gott, indem er seine Wesenheit versteht, die Wesenheiten aller Dinge und auch alles, was ihnen akzidentell zukommen kann.
Antwort auf Einwand 1: Dieser Einwand würde gelten, wenn Gott aussagbare Dinge nach der Art von aussagbaren Dingen kennte.
Antwort auf Einwand 2: Die aussagende Zusammensetzung bezeichnet irgendeine Existenz eines Dinges; und so ist Gott durch seine Existenz, die seine Wesenheit ist, die Ähnlichkeit all jener Dinge, die durch die Aussage bezeichnet werden.