I, q. 14 a. 10
Ob Gott üble Dinge erkennt?
Quaestio 14 · Vom Wissen Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott üble Dinge nicht erkennt. Denn der Philosoph (De Anima iii) sagt, dass der Intellekt, der nicht in Potenz ist, die Beraubung (privatio) nicht erkennt. Aber „Übel ist die Beraubung des Guten“, wie Augustinus sagt (Confess. iii, 7). Da also der Intellekt Gottes niemals in Potenz ist, sondern immer im Akt, wie aus dem Vorhergehenden klar ist (Artikel [2]), scheint es, dass Gott üble Dinge nicht erkennt.
Einwand 2: Ferner ist alles Wissen entweder die Ursache des erkannten Dinges oder wird durch es verursacht. Aber das Wissen Gottes ist nicht die Ursache des Übels, noch wird es durch das Übel verursacht. Also erkennt Gott üble Dinge nicht.
Einwand 3: Ferner wird alles Erkannte entweder durch seine Ähnlichkeit oder durch seinen Gegensatz erkannt. Aber was auch immer Gott erkennt, erkennt er durch seine Wesenheit, wie aus dem Vorhergehenden klar ist (Artikel [5]). Nun ist die göttliche Wesenheit weder die Ähnlichkeit des Übels, noch ist das Übel ihr entgegengesetzt; denn zur göttlichen Wesenheit gibt es keinen Gegensatz, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xii). Also erkennt Gott üble Dinge nicht.
Einwand 4: Ferner wird das, was durch ein anderes und nicht durch sich selbst erkannt wird, unvollkommen erkannt. Aber das Übel wird nicht von Gott erkannt; denn das erkannte Ding muss im Erkennenden sein. Wenn also das Übel durch ein anderes erkannt wird, nämlich durch das Gute, würde es von ihm unvollkommen erkannt; was nicht sein kann, denn das Wissen Gottes ist nicht unvollkommen. Also erkennt Gott üble Dinge nicht.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Spr 15,11): „Hölle und Verderben sind vor Gott [Vulg: 'dem Herrn'].“
Ich antworte darauf, dass, wer ein Ding vollkommen erkennt, alles erkennen muss, was ihm akzidentell zukommen kann. Nun gibt es einige gute Dinge, denen die Verderbnis durch das Übel akzidentell zukommen kann. Daher würde Gott gute Dinge nicht vollkommen erkennen, wenn er nicht auch üble Dinge kennte. Nun ist ein Ding in dem Grad erkennbar, in dem es ist; da dies also das Wesen des Übels ist, dass es die Beraubung des Guten ist, erkennt Gott durch die Tatsache, dass er gute Dinge erkennt, auch üble Dinge; wie durch Licht die Finsternis erkannt wird. Daher sagt Dionysius (Div. Nom. vii): „Gott empfängt durch sich selbst die Schau der Finsternis, indem er die Finsternis nicht anders sieht als durch das Licht.“
Antwort auf Einwand 1: Der Ausspruch des Philosophen muss so verstanden werden, dass der Intellekt, der nicht in Potenz ist, die Beraubung nicht durch eine in ihm existierende Beraubung erkennt; und dies stimmt mit dem überein, was er zuvor sagte, dass ein Punkt und jedes unteilbare Ding durch Beraubung der Teilung erkannt werden. Dies liegt daran, dass einfache und unteilbare Formen in unserem Intellekt nicht aktuell, sondern nur potentiell sind; denn wären sie aktuell in unserem Intellekt, würden sie nicht durch Beraubung erkannt. So werden einfache Dinge von getrennten Substanzen erkannt. Gott erkennt daher das Übel nicht durch eine in ihm selbst existierende Beraubung, sondern durch das entgegengesetzte Gute.
Antwort auf Einwand 2: Das Wissen Gottes ist nicht die Ursache des Übels; sondern ist die Ursache des Guten, wodurch das Übel erkannt wird.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl das Übel der göttlichen Wesenheit nicht entgegengesetzt ist, die nicht durch das Übel verderblich ist; ist es den Wirkungen Gottes entgegengesetzt, die er durch seine Wesenheit erkennt; und indem er sie erkennt, erkennt er die entgegengesetzten Übel.
Antwort auf Einwand 4: Ein Ding nur durch etwas anderes zu erkennen, gehört zu unvollkommenem Wissen, wenn jenes Ding aus sich selbst heraus erkennbar ist; aber das Übel ist nicht aus sich selbst heraus erkennbar, insofern die Natur des Übels selbst die Beraubung des Guten bedeutet; deshalb kann das Übel weder definiert noch erkannt werden außer durch das Gute.