I, q. 14 a. 2
Ob Gott sich selbst erkennt?
Quaestio 14 · Vom Wissen Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott sich selbst nicht erkennt. Denn es wird vom Philosophen (De Causis) gesagt: „Jeder Erkennende, der sein eigenes Wesen erkennt, kehrt vollständig zu seinem eigenen Wesen zurück.“ Aber Gott geht nicht aus seinem eigenen Wesen heraus, noch wird er überhaupt bewegt; folglich kann er nicht zu seinem eigenen Wesen zurückkehren. Also erkennt er sein eigenes Wesen nicht.
Einwand 2: Ferner ist Verstehen eine Art von Erleiden und Bewegung, wie der Philosoph sagt (De Anima iii); und Wissen ist auch eine Art von Angleichung an das erkannte Objekt; und das Erkannte ist die Vollkommenheit des Erkennenden. Aber nichts wird bewegt oder erleidet oder wird vervollkommnet durch sich selbst, „noch“, wie Hilarius sagt (De Trin. iii), „ist ein Ding sein eigenes Abbild“. Also erkennt Gott sich selbst nicht.
Einwand 3: Ferner sind wir Gott hauptsächlich in unserem Intellekt ähnlich, weil wir das Abbild Gottes in unserem Geist sind, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. vi). Aber unser Intellekt erkennt sich selbst nur, indem er andere Dinge erkennt, wie in De Anima iii gesagt wird. Also erkennt Gott sich selbst vielleicht nur insofern, als er andere Dinge erkennt.
Dagegen spricht, was geschrieben steht: „Was in Gott ist, erkennt niemand, außer der Geist Gottes“ (1 Kor 2,11).
Ich antworte darauf, dass Gott sich selbst durch sich selbst erkennt. Zum Beweis dessen muss man wissen, dass, obwohl bei Operationen, die auf eine äußere Wirkung übergehen, das Objekt der Operation, das als Ziel genommen wird, außerhalb des Wirkenden existiert, dennoch bei Operationen, die im Wirkenden verbleiben, das als Ziel der Operation bezeichnete Objekt im Wirkenden residiert; und dementsprechend, wie es im Wirkenden ist, ist die Operation aktuell. Daher sagt der Philosoph (De Anima iii), dass „das Sinnfällige im Akt der Sinn im Akt ist, und das Intelligible im Akt der Intellekt im Akt ist“. Denn der Grund, warum wir eine Sache aktuell empfinden oder erkennen, ist, dass unser Intellekt oder Sinn aktuell durch die sinnliche oder intelligible Spezies informiert wird. Und nur deswegen folgt, dass Sinn oder Intellekt vom sinnlichen oder intelligiblen Objekt verschieden ist, da beide in Potenz sind.
Da also Gott nichts an Potenz in sich hat, sondern reiner Akt ist, sind sein Intellekt und sein Objekt gänzlich dasselbe; so dass er weder ohne die intelligible Spezies ist, wie es bei unserem Intellekt der Fall ist, wenn er potentiell erkennt; noch unterscheidet sich die intelligible Spezies von der Substanz des göttlichen Intellekts, wie sie sich in unserem Intellekt unterscheidet, wenn er aktuell erkennt; sondern die intelligible Spezies selbst ist der göttliche Intellekt selbst, und so erkennt Gott sich selbst durch sich selbst.
Antwort auf Einwand 1: Rückkehr zu seinem eigenen Wesen bedeutet nur, dass ein Ding in sich selbst subsistiert. Insofern die Form die Materie vervollkommnet, indem sie ihr Existenz gibt, ist sie in gewisser Weise in ihr ausgebreitet; und sie kehrt zu sich selbst zurück, insofern sie Existenz in sich selbst hat. Daher erkennen jene Erkenntnisvermögen, die nicht subsistierend sind, sondern Akte von Organen, sich selbst nicht, wie im Fall eines jeden der Sinne; wohingegen jene Erkenntnisvermögen, die subsistierend sind, sich selbst erkennen; daher heißt es in De Causis, dass „wer sein Wesen erkennt, zu ihm zurückkehrt“. Nun kommt es Gott im höchsten Maße zu, selbst-subsistierend zu sein. Daher kehrt er gemäß dieser Redeweise im höchsten Maße zu seinem eigenen Wesen zurück und erkennt sich selbst.
Antwort auf Einwand 2: Bewegung und Erleiden werden äquivok gebraucht, je nachdem, ob Verstehen als eine Art von Bewegung oder Erleiden beschrieben wird, wie in De Anima iii dargelegt. Denn Verstehen ist keine Bewegung, die ein Akt von etwas Unvollkommenem ist, das von einem zum anderen übergeht, sondern es ist ein Akt, der im Agens selbst existiert, von etwas Vollkommenem. Ebenso gehört die Tatsache, dass der Intellekt durch das intelligible Objekt vervollkommnet wird, d.h. ihm angeglichen wird, zu einem Intellekt, der manchmal in Potenz ist; denn die Tatsache, dass er in einem Zustand der Potenz ist, macht ihn verschieden vom intelligiblen Objekt und gleicht ihn diesem durch die intelligible Spezies an, welche das Abbild des verstandenen Dinges ist, und bewirkt, dass er dadurch vervollkommnet wird, wie Potenz durch Akt vervollkommnet wird. Andererseits wird der göttliche Intellekt, der in keiner Weise in Potenz ist, nicht durch das intelligible Objekt vervollkommnet, noch ihm angeglichen, sondern ist seine eigene Vollkommenheit und sein eigenes intelligibles Objekt.
Antwort auf Einwand 3: Existenz in der Natur kommt der ersten Materie, die eine Potenz ist, nicht zu, es sei denn, sie wird durch eine Form in den Akt überführt. Nun hat unser passiver Intellekt dieselbe Beziehung zu intelligiblen Objekten wie die erste Materie zu natürlichen Dingen; denn er ist in Potenz hinsichtlich intelligibler Objekte, so wie die erste Materie zu natürlichen Dingen. Daher kann unser passiver Intellekt hinsichtlich intelligibler Objekte nur insoweit tätig werden, als er durch die intelligible Spezies von etwas vervollkommnet wird; und auf diese Weise erkennt er sich selbst durch eine intelligible Spezies, wie er andere Dinge erkennt: denn es ist offensichtlich, dass er durch das Erkennen des intelligiblen Objekts auch seinen eigenen Akt des Erkennens versteht und durch diesen Akt das intellektuelle Vermögen erkennt. Aber Gott ist ein reiner Akt in der Ordnung des Seins, wie auch in der Ordnung der intelligiblen Objekte; deshalb erkennt er sich selbst durch sich selbst.