I, q. 14 a. 7
Ob das Wissen Gottes diskursiv ist?
Quaestio 14 · Vom Wissen Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass das Wissen Gottes diskursiv ist. Denn das Wissen Gottes ist kein habituelles Wissen, sondern aktuelles Wissen. Nun sagt der Philosoph (Topic. ii): „Der Habitus des Wissens kann viele Dinge zugleich betreffen; aber aktuelles Verstehen betrifft nur ein Ding zur Zeit.“ Da also Gott viele Dinge erkennt, sich selbst und andere, wie oben gezeigt (Artikel 2, 5), scheint es, dass er nicht alles zugleich versteht, sondern von einem zum anderen diskursiv fortschreitet.
Einwand 2: Ferner heißt diskursives Wissen, die Wirkung durch ihre Ursache zu erkennen. Aber Gott erkennt die Dinge durch sich selbst; wie eine Wirkung (erkannt wird) durch ihre Ursache. Also ist sein Wissen diskursiv.
Einwand 3: Ferner erkennt Gott jedes Geschöpf vollkommener, als wir es erkennen. Aber wir erkennen die Wirkungen in ihren geschaffenen Ursachen; und so gehen wir diskursiv von Ursachen zu verursachten Dingen. Also scheint es, dass dasselbe für Gott gilt.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. xv): „Gott sieht nicht alle Dinge in ihrer Besonderheit oder getrennt, als ob er abwechselnd hierhin und dorthin sähe; sondern er sieht alle Dinge zusammen auf einmal.“
Ich antworte darauf, dass es im göttlichen Wissen keinen Diskurs gibt; der Beweis dafür ist wie folgt. In unserem Wissen gibt es einen zweifachen Diskurs: einer ist nur gemäß der Aufeinanderfolge, wie wenn wir, nachdem wir etwas aktuell verstanden haben, uns zuwenden, um etwas anderes zu verstehen; während die andere Art des Diskurses gemäß der Kausalität ist, wie wenn wir durch Prinzipien zur Kenntnis von Schlussfolgerungen gelangen. Die erste Art des Diskurses kann Gott nicht zukommen. Denn viele Dinge, die wir nacheinander verstehen, wenn jedes für sich betrachtet wird, verstehen wir gleichzeitig, wenn wir sie in einem einzigen Ding sehen; wenn wir zum Beispiel die Teile im Ganzen verstehen oder verschiedene Dinge in einem Spiegel sehen. Nun sieht Gott alle Dinge in einem (Ding), welches er selbst ist. Deshalb sieht Gott alle Dinge zusammen und nicht nacheinander. Ebenso kann die zweite Art des Diskurses nicht auf Gott angewendet werden. Erstens, weil diese zweite Art des Diskurses die erste Art voraussetzt; denn wer von Prinzipien zu Schlussfolgerungen fortschreitet, betrachtet nicht beide zugleich; zweitens, weil so zu diskurrieren bedeutet, vom Bekannten zum Unbekannten fortzuschreiten. Daher ist es offensichtlich, dass, wenn das Erste bekannt ist, das Zweite noch unbekannt ist; und so wird das Zweite nicht im Ersten erkannt, sondern aus dem Ersten. Nun wird das Ziel des diskursiven Denkens erreicht, wenn das Zweite im Ersten gesehen wird, indem die Wirkungen in ihre Ursachen aufgelöst werden; und dann hört der Diskurs auf. Da also Gott seine Wirkungen in sich selbst als ihrer Ursache sieht, ist sein Wissen nicht diskursiv.
Antwort auf Einwand 1: Insgesamt gibt es nur einen Akt des Verstehens an sich, dennoch können viele Dinge in einem (Medium) verstanden werden, wie oben gezeigt.
Antwort auf Einwand 2: Gott erkennt nicht durch ihre Ursache, die gleichsam vorher bekannt ist, unbekannte Wirkungen; sondern er erkennt die Wirkungen in der Ursache; und daher ist sein Wissen nicht diskursiv, wie oben gezeigt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Gott sieht die Wirkungen geschaffener Ursachen in den Ursachen selbst viel besser, als wir es können; aber dennoch nicht auf solche Weise, dass die Kenntnis der Wirkungen in ihm durch die Kenntnis der geschaffenen Ursachen verursacht würde, wie es bei uns der Fall ist; und daher ist sein Wissen nicht diskursiv.