I, q. 14 a. 12
Ob Gott unendliche Dinge erkennen kann?
Quaestio 14 · Vom Wissen Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott unendliche Dinge nicht erkennen kann. Denn das Unendliche als solches ist unbekannt; da das Unendliche das ist, was „denen, die es messen, immer noch etwas mehr zu messen übrig lässt“, wie der Philosoph sagt (Phys. iii). Überdies sagt Augustinus (De Civ. Dei xii), dass „alles, was durch Wissen begriffen wird, durch das Begreifen des Erkennenden begrenzt wird“. Nun haben unendliche Dinge keine Grenze. Also können sie nicht durch das Wissen Gottes begriffen werden.
Einwand 2: Ferner, wenn wir sagen, dass Dinge, die an sich unendlich sind, in Gottes Wissen endlich sind, so kann dagegen vorgebracht werden, dass das Wesen des Unendlichen ist, dass es undurchschreitbar ist, und das des Endlichen, dass es durchschreitbar ist, wie in Phys. iii gesagt wird. Aber das Unendliche ist weder durch das Endliche noch durch das Unendliche durchschreitbar, wie in Phys. vi bewiesen wird. Also kann das Unendliche nicht durch das Endliche begrenzt werden, noch sogar durch das Unendliche; und so kann das Unendliche in Gottes Wissen, das unendlich ist, nicht endlich sein.
Einwand 3: Ferner ist das Wissen Gottes das Maß dessen, was erkannt wird. Aber es ist gegen das Wesen des Unendlichen, dass es gemessen wird. Also können unendliche Dinge nicht von Gott erkannt werden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Civ. Dei xii): „Obwohl wir das Unendliche nicht zählen können, kann es dennoch von dem begriffen werden, dessen Wissen keine Grenzen hat.“
Ich antworte darauf, dass, da Gott nicht nur aktuelle Dinge erkennt, sondern auch Dinge, die ihm oder geschaffenen Dingen möglich sind, wie oben gezeigt (Artikel [9]), und da diese unendlich sein müssen, festgehalten werden muss, dass er unendliche Dinge erkennt. Obwohl das Wissen der Schau, das nur Beziehung zu Dingen hat, die sind oder sein werden oder waren, nicht von unendlichen Dingen ist, wie einige sagen, denn wir sagen nicht, dass die Welt ewig ist, noch dass Generation und Bewegung für immer weitergehen werden, so dass Individuen unendlich vervielfältigt würden; müssen wir doch, wenn wir aufmerksamer betrachten, festhalten, dass Gott unendliche Dinge sogar durch das Wissen der Schau erkennt. Denn Gott kennt sogar die Gedanken und Neigungen der Herzen, die bis ins Unendliche vervielfältigt werden, da rationale Geschöpfe für immer fortdauern.
Der Grund hierfür ist in der Tatsache zu finden, dass das Wissen jedes Erkennenden durch die Weise der Form gemessen wird, die das Prinzip des Erkennens ist. Denn das sinnliche Bild im Sinn ist die Ähnlichkeit von nur einem individuellen Ding und kann die Kenntnis von nur einem Individuum geben. Aber die intelligible Spezies unseres Intellekts ist die Ähnlichkeit des Dinges hinsichtlich seiner spezifischen Natur, die durch unendliche Einzeldinge teilhabbar ist; daher erkennt unser Intellekt durch die intelligible Spezies des Menschen in gewisser Weise unendliche Menschen; jedoch nicht als voneinander unterschieden, sondern als in der Natur der Spezies kommunizierend; und der Grund ist, weil die intelligible Spezies unseres Intellekts die Ähnlichkeit des Menschen nicht hinsichtlich der individuellen Prinzipien ist, sondern hinsichtlich der Prinzipien der Spezies. Andererseits ist die göttliche Wesenheit, wodurch der göttliche Intellekt versteht, eine hinreichende Ähnlichkeit aller Dinge, die sind oder sein können, nicht nur hinsichtlich der universalen Prinzipien, sondern auch hinsichtlich der Prinzipien, die jedem einzelnen eigen sind, wie oben gezeigt. Daher folgt, dass das Wissen Gottes sich auf unendliche Dinge erstreckt, sogar als voneinander unterschieden.
Antwort auf Einwand 1: Die Idee des Unendlichen gehört zur Quantität, wie der Philosoph sagt (Phys. i). Aber die Idee der Quantität impliziert die Ordnung der Teile. Daher heißt, das Unendliche gemäß der Weise des Unendlichen zu erkennen, Teil nach Teil zu erkennen; und auf diese Weise kann das Unendliche nicht erkannt werden; denn welche Menge von Teilen auch immer genommen wird, es wird immer etwas anderes außerhalb bleiben. Aber Gott erkennt das Unendliche oder unendliche Dinge nicht, als ob er Teil nach Teil aufzählte; da er alle Dinge gleichzeitig und nicht nacheinander erkennt, wie oben gesagt (Artikel [7]). Daher hindert ihn nichts daran, unendliche Dinge zu erkennen.
Antwort auf Einwand 2: Übergang (transitus) impliziert eine gewisse Aufeinanderfolge von Teilen; und daher kommt es, dass das Unendliche weder durch das Endliche noch durch das Unendliche durchschritten werden kann. Aber Gleichheit genügt für das Begreifen, weil das als begriffen bezeichnet wird, was nichts außerhalb des Begreifenden hat. Daher ist es nicht gegen die Idee des Unendlichen, vom Unendlichen begriffen zu werden. Und so kann das, was an sich unendlich ist, für das Wissen Gottes als begriffen endlich genannt werden; aber nicht, als ob es durchschreitbar wäre.
Antwort auf Einwand 3: Das Wissen Gottes ist das Maß der Dinge, nicht quantitativ, denn das Unendliche unterliegt nicht dieser Art von Maß; sondern es ist das Maß der Wesenheit und Wahrheit der Dinge. Denn alles hat Wahrheit der Natur gemäß dem Grad, in dem es das Wissen Gottes nachahmt, wie das durch Kunst gemachte Ding mit der Kunst übereinstimmt. Angenommen jedoch eine aktuell unendliche Anzahl von Dingen, zum Beispiel eine Unendlichkeit von Menschen oder eine Unendlichkeit in kontinuierlicher Quantität, wie eine Unendlichkeit von Luft, wie einige der Alten annahmen; so ist es doch offensichtlich, dass diese ein bestimmtes und endliches Sein hätten, weil ihr Sein auf eine bestimmte Natur begrenzt wäre. Daher wären sie hinsichtlich des Wissens Gottes messbar.