I, q. 14 a. 11
Ob Gott Einzeldinge erkennt?
Quaestio 14 · Vom Wissen Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott Einzeldinge nicht erkennt. Denn der göttliche Intellekt ist immaterieller als der menschliche Intellekt. Nun erkennt der menschliche Intellekt aufgrund seiner Immaterialität keine Einzeldinge; sondern wie der Philosoph sagt (De Anima ii), „hat die Vernunft es mit dem Allgemeinen zu tun, der Sinn mit den Einzeldingen“. Also erkennt Gott keine Einzeldinge.
Einwand 2: Ferner erkennen in uns nur jene Vermögen das Einzelne, welche die Spezies empfangen, die nicht von materiellen Bedingungen abstrahiert ist. Aber in Gott sind die Dinge im höchsten Grad von aller Materialität abstrahiert. Also erkennt Gott keine Einzeldinge.
Einwand 3: Ferner kommt alles Wissen durch das Medium irgendeiner Ähnlichkeit zustande. Aber die Ähnlichkeit von Einzeldingen, insofern sie einzeln sind, scheint nicht in Gott zu sein; denn das Prinzip der Singularität ist die Materie, welche, da sie nur in Potenz ist, Gott gänzlich unähnlich ist, der reiner Akt ist. Also kann Gott keine Einzeldinge erkennen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Spr 16,2): „Alle Wege eines Menschen sind offen vor seinen Augen.“
Ich antworte darauf, dass Gott Einzeldinge erkennt. Denn alle Vollkommenheiten, die in Geschöpfen gefunden werden, präexistieren in Gott auf eine höhere Weise, wie aus dem Vorhergehenden klar ist (Frage [4], Artikel [2]). Nun ist es Teil unserer Vollkommenheit, Einzeldinge zu erkennen. Sogar der Philosoph hält es für unpassend, dass irgendetwas, das von uns erkannt wird, Gott unbekannt sein sollte; und so argumentiert er gegen Empedokles (De Anima i und Metaph. iii), dass Gott höchst unwissend wäre, wenn er den Zwiespalt nicht kennte. Nun existieren die Vollkommenheiten, die unter den niederen Wesen geteilt sind, einfach und vereint in Gott; daher, obwohl wir durch ein Vermögen das Allgemeine und Immaterielle erkennen und durch ein anderes Einzel- und materielle Dinge erkennen, erkennt Gott dennoch beides durch seinen einfachen Intellekt.
Nun sagten einige, die zeigen wollten, wie dies sein kann, dass Gott Einzeldinge durch universale Ursachen erkennt. Denn nichts existiert in irgendeinem Einzelding, das nicht aus irgendeiner universalen Ursache entspringt. Sie geben das Beispiel eines Astrologen, der alle universalen Bewegungen des Himmels kennt und daraus alle Finsternisse vorhersagen kann, die kommen werden. Dies ist jedoch nicht genug; denn Einzeldinge erlangen aus universalen Ursachen gewisse Formen und Kräfte, die, wie auch immer sie zusammengefügt sein mögen, nicht individualisiert werden außer durch individuelle Materie. Daher würde derjenige, der Sokrates kennt, weil er weiß ist, oder weil er der Sohn des Sophroniskus ist, oder wegen irgendetwas dieser Art, ihn nicht erkennen, insofern er dieser bestimmte Mensch ist. Daher würde Gott gemäß der genannten Weise Einzeldinge nicht in ihrer Singularität erkennen.
Andererseits haben andere gesagt, dass Gott Einzeldinge durch die Anwendung universaler Ursachen auf partikuläre Wirkungen erkennt. Aber dies wird nicht standhalten; insofern niemand ein Ding auf ein anderes anwenden kann, wenn er nicht zuerst jenes Ding kennt; daher kann die genannte Anwendung nicht der Grund des Erkennens des Partikulären sein, denn sie setzt die Kenntnis der Einzeldinge voraus.
Deshalb muss anders gesagt werden, dass, da Gott die Ursache der Dinge durch sein Wissen ist, wie oben dargelegt (Artikel [8]), sein Wissen so weit reicht, wie seine Kausalität reicht. Daher, wie sich die aktive Kraft Gottes nicht nur auf Formen erstreckt, die die Quelle der Universalität sind, sondern auch auf die Materie, wie wir weiter unten beweisen werden (Frage [44], Artikel [2]), muss sich das Wissen Gottes auf Einzeldinge erstrecken, die durch Materie individualisiert werden. Denn da er andere Dinge als sich selbst durch seine Wesenheit erkennt, als die Ähnlichkeit der Dinge oder als ihr aktives Prinzip, muss seine Wesenheit das hinreichende Prinzip sein, alle von ihm gemachten Dinge zu erkennen, nicht nur im Allgemeinen, sondern auch im Einzelnen. Dasselbe würde für das Wissen des Künstlers gelten, wenn es produktiv für das ganze Ding wäre und nicht nur für die Form.
Antwort auf Einwand 1: Unser Intellekt abstrahiert die intelligible Spezies von den individuierenden Prinzipien; daher kann die intelligible Spezies in unserem Intellekt nicht die Ähnlichkeit der individuellen Prinzipien sein; und aus diesem Grund erkennt unser Intellekt das Einzelne nicht. Aber die intelligible Spezies im göttlichen Intellekt, welche die Wesenheit Gottes ist, ist immateriell nicht durch Abstraktion, sondern aus sich selbst heraus, da sie das Prinzip aller Prinzipien ist, die in die Zusammensetzung der Dinge eingehen, seien es Prinzipien der Spezies oder Prinzipien des Individuums; daher erkennt Gott durch sie nicht nur universale, sondern auch singuläre Dinge.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl ihr Sein hinsichtlich der Spezies im göttlichen Intellekt keine materiellen Bedingungen hat wie die Bilder, die in der Einbildungskraft und im Sinn empfangen werden, erstreckt sich ihre Kraft doch sowohl auf immaterielle als auch auf materielle Dinge.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Materie hinsichtlich ihrer Potenz von der Ähnlichkeit mit Gott zurückweicht, behält sie doch, selbst insofern sie auf diese Weise Sein hat, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem göttlichen Sein bei.