III, q. 7 a. 9
Ob in Christus die Fülle der Gnade war?
Quaestio 7 · Von der Gnade Christi, insofern er ein einzelner Mensch ist.
Einwand 1: Es scheint, dass in Christus nicht die Fülle der Gnade war. Denn die Tugenden fließen aus der Gnade, wie oben gesagt wurde (FS, Frage [110], Artikel [4]). Aber in Christus waren nicht alle Tugenden; denn es war weder Glaube noch Hoffnung in ihm, wie oben gezeigt wurde (Artikel [3],4). Also war in Christus nicht die Fülle der Gnade.
Einwand 2: Ferner wird die Gnade, wie aus dem oben Gesagten klar ist (FS, Frage [111], Artikel [2]), in wirkende und mitwirkende unterteilt. Nun bezeichnet die wirkende Gnade das, wodurch der Gottlose gerechtfertigt wird, was in Christus keinen Platz hat, der niemals unter irgendeiner Sünde lag. Also war in Christus nicht die Fülle der Gnade.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Jak 1,17): „Jede beste Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Lichter.“ Aber was so kommt, wird teilweise und nicht vollständig besessen. Also kann kein Geschöpf, nicht einmal die Seele Christi, die Fülle der Gnadengaben haben.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Joh 1,14): „Wir sahen ihn [Vulg.: 'seine Herrlichkeit'] voll der Gnade und Wahrheit.“
Ich antworte darauf, Voll zu haben heißt, ganz und vollkommen zu haben. Nun können Ganzheit und Vollkommenheit auf zwei Arten verstanden werden: Erstens hinsichtlich ihrer „intensiven“ Quantität; zum Beispiel kann ich sagen, dass ein Mensch die Weiße voll hat, weil er so viel davon hat, wie natürlicherweise in ihm sein kann; zweitens „hinsichtlich der Kraft“; zum Beispiel, wenn jemand gesagt wird, das Leben voll zu haben, insofern er es in allen Wirkungen oder Werken des Lebens hat; und so hat der Mensch das Leben voll, aber empfindungslose Tiere oder Pflanzen nicht. Nun hat Christus auf beide Arten die Fülle der Gnade. Erstens, da er die Gnade im höchsten Grad hat, auf die vollkommenste Weise, wie sie gehabt werden kann. Und dies zeigt sich erstens aus der Nähe der Seele Christi zur Ursache der Gnade. Denn es wurde oben gesagt (Artikel [1]), dass je näher ein Empfänger der einfließenden Ursache ist, desto mehr empfängt er. Und daher empfängt die Seele Christi, die enger mit Gott vereint ist als alle anderen vernunftbegabten Geschöpfe, die größte Ausgießung seiner Gnade. Zweitens in seiner Beziehung zur Wirkung. Denn die Seele Christi empfing die Gnade so, dass sie gewissermaßen von ihr auf andere ausgegossen wird. Und daher geziemte es ihm, die größte Gnade zu haben; wie das Feuer, das die Ursache der Hitze in anderen heißen Dingen ist, von allen Dingen das heißeste ist.
Ebenso hatte er hinsichtlich der „Kraft“ der Gnade die Gnade voll, da er sie für alle Operationen und Wirkungen der Gnade hatte; und dies, weil ihm die Gnade verliehen wurde wie einem universalen Prinzip in der Gattung derer, die Gnade haben. Nun erstreckt sich die Kraft des ersten Prinzips einer Gattung universal auf alle Wirkungen dieser Gattung; so erstreckt sich die Kraft der Sonne, die die universale Ursache der Zeugung ist, wie Dionysius sagt (Div. Nom. i), auf alle Dinge, die unter die Zeugung fallen. Daher wird die zweite Fülle der Gnade in Christus darin gesehen, dass sich seine Gnade auf alle Wirkungen der Gnade erstreckt, welche die Tugenden, Gaben und dergleichen sind.
Antwort auf Einwand 1: Glaube und Hoffnung bezeichnen Wirkungen der Gnade mit gewissen Mängeln aufseiten des Empfängers der Gnade, insofern der Glaube vom Ungesehene ist und die Hoffnung von dem, was noch nicht besessen wird. Daher war es nicht notwendig, dass in Christus, der der Urheber der Gnade ist, irgendwelche Mängel sein sollten, wie sie Glaube und Hoffnung implizieren; sondern was immer an Vollkommenheit in Glaube und Hoffnung ist, war in Christus höchst vollkommen; wie im Feuer nicht alle Arten von Hitze sind, die durch den Mangel des Subjekts mangelhaft sind, sondern was immer zur Vollkommenheit der Hitze gehört.
Antwort auf Einwand 2: Es gehört wesenhaft zur wirkenden Gnade, zu rechtfertigen; aber dass sie den Gottlosen gerecht macht, ist ihr akzidentell aufseiten des Subjekts, in dem Sünde gefunden wird. Daher wurde die Seele Christi durch die wirkende Gnade gerechtfertigt, insofern sie durch sie vom Beginn seiner Empfängnis an gerecht und heilig gemacht wurde; nicht dass sie bis dahin sündig oder auch nur nicht gerecht gewesen wäre.
Antwort auf Einwand 3: Die Fülle der Gnade wird der Seele Christi gemäß der Kapazität des Geschöpfes zugeschrieben und nicht im Vergleich mit der unendlichen Fülle der göttlichen Güte.