III, q. 7 a. 1
Ob in der Seele Christi irgendeine habituelle Gnade war?
Quaestio 7 · Von der Gnade Christi, insofern er ein einzelner Mensch ist.
Einwand 1: Es scheint, dass in der vom Wort angenommenen Seele keine habituelle Gnade war. Denn die Gnade ist eine gewisse Teilhabe der vernunftbegabten Kreatur an der Gottheit, gemäß 2 Petr 1,4: „Durch ihn hat er uns die kostbarsten und größten Verheißungen geschenkt, damit ihr durch diese der göttlichen Natur teilhaftig werdet.“ Nun ist Christus aber nicht durch Teilhabe Gott, sondern in Wahrheit. Also war in ihm keine habituelle Gnade.
Einwand 2: Ferner ist die Gnade dem Menschen notwendig, damit er gut handle, gemäß 1 Kor 15,10: „Ich habe mehr gearbeitet als sie alle; doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir“; und damit er das ewige Leben erlange, gemäß Röm 6,23: „Die Gnade Gottes ist das ewige Leben.“ Nun gebührte Christus das Erbe des ewigen Lebens schon allein aufgrund der Tatsache, dass er der natürliche Sohn Gottes ist; und aufgrund der Tatsache, dass er das Wort ist, durch das alles geschaffen wurde, hatte er die Macht, alles gut zu tun. Also bedurfte seine menschliche Natur keiner weiteren Gnade über die Vereinigung mit dem Wort hinaus.
Einwand 3: Ferner bedarf das, was als Werkzeug wirkt, keines Habitus für seine eigenen Tätigkeiten, da die Habitus im Hauptwirkenden verwurzelt sind. Nun war die menschliche Natur in Christus „wie das Werkzeug der Gottheit“, wie Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 15). Also bestand keine Notwendigkeit für eine habituelle Gnade in Christus.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Jes 11,2): „Der Geist des Herrn wird auf ihm ruhen“ – welcher (Geist) nämlich, wie oben gesagt wurde (FP, Frage [8], Artikel [3]; FP, Frage [43], Artikel [3],6), durch die habituelle Gnade im Menschen ist. Also war habituelle Gnade in Christus.
Ich antworte darauf, dass es aus drei Gründen notwendig ist, eine habituelle Gnade in Christus anzunehmen. Erstens wegen der Vereinigung seiner Seele mit dem Wort Gottes. Denn je näher ein Empfänger der einfließenden Ursache ist, desto mehr nimmt er an deren Einfluss teil. Nun kommt der Einfluss der Gnade von Gott, gemäß Ps 83,12: „Gnade und Herrlichkeit wird der Herr geben.“ Und daher war es höchst angemessen, dass seine Seele den Einfluss der göttlichen Gnade empfing. Zweitens wegen der Würde dieser Seele, deren Tätigkeiten Gott durch Erkenntnis und Liebe so nahe berühren sollten, wozu die menschliche Natur durch die Gnade erhoben werden muss. Drittens wegen der Beziehung Christi zum Menschengeschlecht. Denn Christus ist als Mensch der „Mittler zwischen Gott und den Menschen“, wie in 1 Tim 2,5 geschrieben steht; und daher geziemte es sich für ihn, Gnade zu haben, die auf andere überströmen würde, gemäß Joh 1,16: „Und aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade um Gnade.“
Antwort auf Einwand 1: Christus ist der wahre Gott in der göttlichen Person und Natur. Doch weil zusammen mit der Einheit der Person die Unterscheidung der Naturen bestehen bleibt, wie oben dargelegt (Frage [2], Artikel [1],2), ist die Seele Christi nicht wesenhaft göttlich. Daher geziemt es ihr, durch Teilhabe göttlich zu sein, was durch die Gnade geschieht.
Antwort auf Einwand 2: Christus gebührt, insofern er der natürliche Sohn Gottes ist, ein ewiges Erbe, welches die ungeschaffene Seligkeit durch den ungeschaffenen Akt der Erkenntnis und Liebe Gottes ist, d.h. derselbe Akt, durch den der Vater sich selbst erkennt und liebt. Zu diesem Akt war die Seele jedoch aufgrund der Verschiedenheit der Naturen nicht fähig. Daher geziemte es ihr, Gott durch einen geschaffenen Akt des Genusses zu erreichen, was nicht ohne Gnade geschehen konnte. Ebenso hatte er, insofern er das Wort Gottes war, die Macht, alles durch die göttliche Wirkung gut zu tun. Und weil es notwendig ist, eine menschliche Tätigkeit anzunehmen, die von der göttlichen Tätigkeit verschieden ist, wie gezeigt werden wird (Frage [19], Artikel [1]), war es notwendig, dass er habituelle Gnade hatte, durch welche diese Tätigkeit in ihm vollkommen sei.
Antwort auf Einwand 3: Die Menschheit Christi ist das Werkzeug der Gottheit – freilich nicht ein lebloses Werkzeug, das in keiner Weise handelt, sondern nur bewegt wird; sondern ein durch eine vernunftbegabte Seele beseeltes Werkzeug, das so bewegt wird, dass es selbst handelt. Und daher verlangte die Natur der Handlung, dass er habituelle Gnade habe.