III, q. 7 a. 11
Ob die Gnade Christi unendlich ist?
Quaestio 7 · Von der Gnade Christi, insofern er ein einzelner Mensch ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnade Christi unendlich ist. Denn alles Unermessliche ist unendlich. Aber die Gnade Christi ist unermesslich; da geschrieben steht (Joh 3,34): „Denn Gott gibt den Geist nicht nach Maß seinem Sohn [*'Seinem Sohn' fehlt in der Vulgata], nämlich Christus.“ Also ist die Gnade Christi unendlich.
Einwand 2: Ferner deutet eine unendliche Wirkung auf eine unendliche Kraft hin, die nur aus einem unendlichen Wesen entspringen kann. Aber die Wirkung der Gnade Christi ist unendlich, da sie sich auf das Heil des ganzen Menschengeschlechts erstreckt; denn er ist die Sühne für unsere Sünden ... und für die der ganzen Welt, wie gesagt wird (1 Joh 2,2). Also ist die Gnade Christi unendlich.
Einwand 3: Ferner kann jedes Endliche durch Hinzufügung die Quantität jedes anderen Endlichen erreichen. Wenn also die Gnade Christi endlich ist, könnte die Gnade irgendeines anderen Menschen so weit zunehmen, dass sie eine Gleichheit mit der Gnade Christi erreicht, entgegen dem, was geschrieben steht (Ijob 28,17): „Gold noch Kristall kann ihr gleichen“, wie Gregor es auslegt (Moral. xviii). Also ist die Gnade Christi unendlich.
Dagegen spricht, Gnade ist etwas in der Seele Geschaffenes. Aber jedes geschaffene Ding ist endlich, gemäß Weish 11,21: „Du hast alles nach Maß und Zahl und Gewicht geordnet.“ Also ist die Gnade Christi nicht unendlich.
Ich antworte darauf, Wie oben klargemacht wurde (Frage [2], Artikel [10]), kann eine zweifache Gnade in Christus betrachtet werden; die erste ist die Gnade der Vereinigung, welche, wie gesagt wurde (Frage [6], Artikel [6]), für ihn darin besteht, persönlich mit dem Sohn Gottes vereint zu sein, welche Vereinigung der menschlichen Natur gratis verliehen wurde; und es ist klar, dass diese Gnade unendlich ist, wie die Person Gottes unendlich ist. Die zweite ist die habituelle Gnade; welche auf zwei Arten verstanden werden kann: erstens als ein Seiendes, und auf diese Weise muss sie ein endliches Seiendes sein, da sie in der Seele Christi ist wie in einem Subjekt, und Christi Seele ein Geschöpf mit einer endlichen Kapazität ist; daher kann das Sein der Gnade nicht unendlich sein, da es sein Subjekt nicht übersteigen kann. Zweitens kann sie in ihrer spezifischen Natur als Gnade betrachtet werden; und so kann die Gnade Christi unendlich genannt werden, da sie nicht begrenzt ist, d.h. sie hat alles, was zur Natur der Gnade gehören kann, und was zur Natur der Gnade gehört, wird ihm nicht in einem festgesetzten Maß verliehen; da sie „gemäß dem Vorsatz“ Gottes, dem es zukommt, die Gnade zu bemessen, der Seele Christi als einem universalen Prinzip zur Verleihung der Gnade an die menschliche Natur verliehen wird, gemäß Eph 1,6: „Er hat uns begnadet in seinem geliebten Sohn“; so könnten wir sagen, dass das Licht der Sonne unendlich ist, nicht zwar im Sein, aber in der Natur des Lichts, als alles habend, was zur Natur des Lichts gehören kann.
Antwort auf Einwand 1: Wenn gesagt wird, dass der Vater „den Geist nicht nach Maß gibt“, kann dies von der Gabe ausgelegt werden, die Gott der Vater von Ewigkeit her dem Sohn gab, nämlich die göttliche Natur, welche eine unendliche Gabe ist. Daher der Kommentar einer gewissen Glosse: „Damit der Sohn so groß sei, wie der Vater ist.“ Oder wiederum kann es auf die Gabe bezogen werden, die der menschlichen Natur gegeben ist, mit der göttlichen Person vereint zu sein, und auch dies ist eine unendliche Gabe. Daher sagt eine Glosse zu diesem Text: „Wie der Vater ein volles und vollkommenes Wort zeugte, so ist es voll und vollkommen der menschlichen Natur vereint.“ Drittens kann es auf die habituelle Gnade bezogen werden, insofern die Gnade Christi sich auf alles erstreckt, was zur Gnade gehört. Daher sagt Augustinus, indem er dies auslegt (Tract. xiv in Joan.): „Die Aufteilung der Gaben ist eine Bemessung. Denn dem einen wird zwar durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, dem anderen das Wort der Erkenntnis.“ Aber Christus, der Geber, empfängt nicht nach Maß.
Antwort auf Einwand 2: Die Gnade Christi hat eine unendliche Wirkung, sowohl wegen der genannten Unendlichkeit der Gnade als auch wegen der Einheit [*Vielleicht sollten wir 'Unendlichkeit' lesen – Ed.] der göttlichen Person, mit der Christi Seele vereint ist.
Antwort auf Einwand 3: Das Geringere kann durch Vermehrung die Quantität des Größeren erreichen, wenn beide dieselbe Art von Quantität haben. Aber die Gnade irgendeines Menschen verhält sich zur Gnade Christi wie eine partikulare zu einer universalen Kraft; daher kann, wie die Kraft des Feuers, egal wie sehr sie zunimmt, niemals der Kraft der Sonne gleichen, so auch die Gnade eines Menschen, egal wie sehr sie zunimmt, niemals der Gnade Christi gleichen.