III, q. 7 a. 2
Ob in Christus Tugenden waren?
Quaestio 7 · Von der Gnade Christi, insofern er ein einzelner Mensch ist.
Einwand 1: Es scheint, dass in Christus keine Tugenden waren. Denn Christus hatte die Fülle der Gnade. Nun ist die Gnade für jede gute Tat ausreichend, gemäß 2 Kor 12,9: „Meine Gnade genügt dir.“ Also gab es keine Tugenden in Christus.
Einwand 2: Ferner wird nach dem Philosophen (Ethic. vii, 1) die Tugend einem „gewissen heroischen oder göttlichen Habitus“ gegenübergestellt, der göttlichen Menschen zugeschrieben wird. Dies aber kommt vornehmlich Christus zu. Also hatte Christus keine Tugenden, sondern etwas Höheres als Tugend.
Einwand 3: Ferner sind, wie oben gesagt wurde (FS, Frage [65], Artikel [1],2), alle Tugenden miteinander verbunden. Aber es war für Christus nicht angemessen, alle Tugenden zu haben, wie im Fall der Freigebigkeit und der Prachtliebe (magnificentia) deutlich wird, denn diese haben mit Reichtümern zu tun, die Christus verschmähte, gemäß Mt 8,20: „Der Menschensohn hat nichts, wohin er sein Haupt legen kann.“ Auch Mäßigung und Enthaltsamkeit beziehen sich auf böse Begierden, von denen Christus frei war. Also hatte Christus die Tugenden nicht.
Dagegen spricht, dass zu Ps 1,2: „Sondern sein Wille ist im Gesetz des Herrn“, eine Glosse sagt: „Dies bezieht sich auf Christus, der voll von allem Guten ist.“ Aber eine gute Beschaffenheit des Geistes ist eine Tugend. Also war Christus voll von aller Tugend.
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt wurde (FS, Frage [110], Artikel [3],4), bezieht sich die Gnade auf das Wesen der Seele, so wie die Tugend auf ihre Kraft. Daher ist es notwendig, dass so wie die Kräfte der Seele aus ihrem Wesen fließen, so auch die Tugenden aus der Gnade fließen. Nun prägt ein Prinzip, je vollkommener es ist, desto mehr seine Wirkungen ein. Da also die Gnade Christi höchst vollkommen war, flossen aus ihr folglich die Tugenden, welche die einzelnen Kräfte der Seele für alle Akte der Seele vervollkommnen; und so hatte Christus alle Tugenden.
Antwort auf Einwand 1: Die Gnade genügt dem Menschen für alles, wodurch er zur Seligkeit hingeordnet wird; dennoch bewirkt sie einiges davon durch sich selbst – wie etwa, ihn Gott wohlgefällig zu machen und dergleichen; und anderes durch das Mittel der Tugenden, die aus der Gnade hervorgehen.
Antwort auf Einwand 2: Ein heroischer oder göttlicher Habitus unterscheidet sich von der gemeinhin so genannten Tugend nur durch eine vollkommenere Weise, insofern jemand auf eine höhere Weise zum Guten disponiert ist, als es allen gemein ist. Daher wird hierdurch nicht bewiesen, dass Christus die Tugenden nicht hatte, sondern dass er sie höchst vollkommen über das gewöhnliche Maß hinaus hatte. In diesem Sinne gab Plotin einem gewissen erhabenen Grad der Tugend den Namen „Tugend der gereinigten Seele“ (vgl. FS, Frage [61], Artikel [5]).
Antwort auf Einwand 3: Freigebigkeit und Prachtliebe sind in Bezug auf Reichtümer lobenswert, insofern jemand den Reichtum nicht so sehr schätzt, dass er ihn behalten will und so unterlässt, was getan werden sollte. Aber derjenige schätzt sie am wenigsten, der sie gänzlich verachtet und aus Liebe zur Vollkommenheit beiseite wirft. Und daher zeigte Christus, indem er alle Reichtümer gänzlich verachtete, die höchste Art der Freigebigkeit und Prachtliebe; obwohl er auch den Akt der Freigebigkeit vollzog, soweit es ihm ziemte, indem er veranlasste, dass das, was ihm gegeben wurde, an die Armen verteilt wurde. Daher verstanden die Jünger, als unser Herr zu Judas sagte (Joh 13,27): „Was du tust, tue bald“, dass unser Herr ihm befohlen habe, den Armen etwas zu geben. Christus hatte jedoch keinerlei böse Begierden, wie gezeigt werden wird (Frage [15], Artikel [1],2); doch wurde er dadurch nicht daran gehindert, Mäßigung zu haben, welche im Menschen umso vollkommener ist, als er ohne böse Begierden ist. Daher unterscheidet sich nach dem Philosophen (Ethic. vii, 9) der Mäßige vom Enthaltsamen darin, dass der Mäßige nicht die bösen Begierden hat, die der Enthaltsame erleidet. Nimmt man also Enthaltsamkeit in diesem Sinne, wie der Philosoph sie nimmt, so hatte Christus, gerade weil er alle Tugend hatte, keine Enthaltsamkeit, da diese keine Tugend ist, sondern etwas Geringeres als Tugend.