III, q. 7 a. 12
Ob die Gnade Christi zunehmen konnte?
Quaestio 7 · Von der Gnade Christi, insofern er ein einzelner Mensch ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnade Christi zunehmen konnte. Denn zu jedem Endlichen kann etwas hinzugefügt werden. Aber die Gnade Christi war endlich. Also konnte sie zunehmen.
Einwand 2: Ferner wird die Gnade durch göttliche Macht vermehrt, gemäß 2 Kor 9,8: „Gott aber ist mächtig, jede Gnade in euch überreich zu machen.“ Aber die göttliche Macht, da sie unendlich ist, wird durch keine Grenzen beschränkt. Also scheint es, dass die Gnade Christi größer hätte sein können.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Lk 2,52), dass das Kind „Jesus zunahm an Weisheit und Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Also konnte die Gnade Christi zunehmen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Joh 1,14): „Wir sahen ihn [Vulg.: 'seine Herrlichkeit'] gleichsam als ... den Eingeborenen des Vaters, voll der Gnade und Wahrheit.“ Aber nichts kann größer sein oder gedacht werden, als dass jemand der Eingeborene des Vaters ist. Also kann keine größere Gnade sein oder gedacht werden als die, von der Christus voll war.
Ich antworte darauf, Dass eine Form unfähig zur Zunahme ist, geschieht auf zwei Arten: Erstens aufseiten des Subjekts; zweitens aufseiten der Form selbst. Aufseiten des Subjekts freilich, wenn das Subjekt die äußerste Grenze erreicht, in der es an dieser Form teilhat, nach seiner eigenen Weise, z.B. wenn wir sagen, dass Luft nicht an Hitze zunehmen kann, wenn sie die äußerste Grenze der Hitze erreicht hat, die in der Natur der Luft existieren kann, obwohl es eine größere Hitze in wirklicher Existenz geben mag, nämlich die Hitze des Feuers. Aber aufseiten der Form ist die Möglichkeit der Zunahme ausgeschlossen, wenn ein Subjekt die äußerste Vollkommenheit erreicht, die diese Form von Natur aus haben kann, z.B. wenn wir sagen, die Hitze des Feuers könne nicht vermehrt werden, weil es keinen vollkommeneren Grad an Hitze geben kann als den, den das Feuer erreicht. Nun ist das eigentliche Maß der Gnade, wie das anderer Formen, durch die göttliche Weisheit bestimmt, gemäß Weish 11,21: „Du hast alles nach Zahl, Gewicht und Maß geordnet.“ Und in Bezug auf ihr Ziel ist jeder Form ein Maß gesetzt. So gibt es keine größere Schwere als die der Erde, weil es keinen niedrigeren Ort gibt als den der Erde. Nun ist das Ziel der Gnade die Vereinigung der vernunftbegabten Kreatur mit Gott. Aber es kann weder eine größere Vereinigung der vernunftbegabten Kreatur mit Gott geben noch gedacht werden als die, die in der Person ist. Und daher erreichte die Gnade Christi das höchste Maß der Gnade. Daher ist klar, dass die Gnade Christi aufseiten der Gnade nicht vermehrt werden kann. Aber sie kann auch nicht aufseiten des Subjekts vermehrt werden, da Christus als Mensch vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an ein wahrer und voller Schauender (comprehensor) war. Daher konnte es in ihm keine Zunahme an Gnade geben, wie es keine in den übrigen Seligen geben konnte, deren Gnade nicht zunehmen konnte, da sie ihr letztes Ziel erreicht haben. Aber was Menschen betrifft, die gänzlich Pilger (viatores) sind, kann ihre Gnade nicht nur aufseiten der Form zunehmen, da sie nicht den höchsten Grad der Gnade erreicht haben, sondern auch aufseiten des Subjekts, da sie ihr Ziel noch nicht erreicht haben.
Antwort auf Einwand 1: Wenn wir von mathematischer Quantität sprechen, kann zu jeder endlichen Quantität etwas hinzugefügt werden, da es aufseiten der endlichen Quantität nichts gibt, was der Hinzufügung widerstrebt. Aber wenn wir von natürlicher Quantität sprechen, kann es einen Widerstand aufseiten der Form geben, der eine bestimmte Quantität geschuldet ist, so wie auch andere Akzidenzien bestimmt sind. Daher sagt der Philosoph (De Anima ii, 41), dass „es von allen Dingen von Natur aus eine Grenze und ein festes Maß der Größe und des Wachstums gibt.“ Und daher kann zur Quantität des Ganzen keine Hinzufügung gemacht werden. Und noch mehr müssen wir eine Grenze in den Formen selbst annehmen, über die sie nicht hinausgehen dürfen. Daher ist es nicht notwendig, dass der Gnade Christi eine Hinzufügung gemacht werden kann, obwohl sie in ihrem Wesen endlich ist.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die göttliche Macht etwas Größeres und Besseres machen kann als die habituelle Gnade Christi, so konnte sie sie doch nicht dazu machen, auf etwas Größeres hingeordnet zu sein als auf die personale Vereinigung mit dem eingeborenen Sohn des Vaters; und für diese Vereinigung ist durch den Ratschluss der göttlichen Weisheit das Maß der Gnade ausreichend.
Antwort auf Einwand 3: Jemand kann auf zwei Arten an Weisheit und Gnade zunehmen. Erstens insofern die Habitus der Weisheit und Gnade selbst vermehrt werden; und auf diese Weise nahm Christus nicht zu. Zweitens hinsichtlich der Wirkungen, d.h. insofern sie weisere und größere Werke tun; und auf diese Weise nahm Christus an Weisheit und Gnade zu wie auch an Alter, da er im Laufe der Zeit vollkommenere Werke tat, um sich als wahren Menschen zu erweisen, sowohl in den Dingen Gottes als auch in den Dingen der Menschen.