II-II, q. 26 a. 9
Ob ein Mensch aus Liebe seine Kinder mehr lieben muss als seinen Vater?
Quaestio 26 · Von der Ordnung der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass ein Mensch aus Liebe seine Kinder mehr lieben muss als seinen Vater. Denn wir müssen jene mehr lieben, denen wir mehr verpflichtet sind, Gutes zu tun. Nun sind wir mehr verpflichtet, unseren Kindern Gutes zu tun als unseren Eltern, da der Apostel sagt (2 Kor 12,14): „Denn nicht die Kinder sollen für die Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern für die Kinder.“ Daher muss ein Mensch seine Kinder mehr lieben als seine Eltern.
Einwand 2: Ferner: Die Gnade vollendet die Natur. Aber Eltern lieben ihre Kinder von Natur aus mehr, als diese sie lieben, wie der Philosoph feststellt (Ethic. VIII, 12). Daher muss ein Mensch seine Kinder mehr lieben als seine Eltern.
Einwand 3: Ferner: Die Neigungen des Menschen werden durch die Liebe Gott gleichförmig gemacht. Aber Gott liebt Seine Kinder mehr, als sie Ihn lieben. Daher müssen auch wir unsere Kinder mehr lieben als unsere Eltern.
Dagegen spricht: Ambrosius [*Origenes, Hom. II in Cant.] sagt: „Wir müssen Gott zuerst lieben, dann unsere Eltern, dann unsere Kinder und zuletzt jene unseres Haushalts.“
Ich antworte darauf: Wie oben dargelegt (Artikel [4], ad 1; Artikel [7]), können die Grade der Liebe von zwei Standpunkten aus gemessen werden. Erstens vom Standpunkt des Objekts. In dieser Hinsicht ist ein Ding umso mehr zu lieben, je besser es ist und je ähnlicher Gott: und auf diese Weise muss ein Mensch seinen Vater mehr lieben als seine Kinder, weil er nämlich seinen Vater als sein Prinzip liebt, in welcher Hinsicht er ein erhabeneres Gut und Gott ähnlicher ist.
Zweitens können die Grade der Liebe vom Standpunkt des Liebenden aus gemessen werden, und in dieser Hinsicht liebt ein Mensch mehr das, was ihm enger verbunden ist, auf welche Weise die Kinder eines Mannes ihm liebenswerter sind als sein Vater, wie der Philosoph feststellt (Ethic. VIII). Erstens, weil Eltern ihre Kinder als Teil ihrer selbst lieben, wohingegen der Vater nicht Teil seines Sohnes ist, so dass die Liebe eines Vaters zu seinen Kindern der Liebe eines Menschen zu sich selbst ähnlicher ist. Zweitens, weil Eltern besser wissen, dass dieser und jener ihr Kind ist, als umgekehrt. Drittens, weil Kinder ihren Eltern näher sind, da sie Teil von ihnen sind, als ihre Eltern ihnen sind, zu denen sie in der Beziehung eines Prinzips stehen. Viertens, weil Eltern länger geliebt haben, denn der Vater beginnt sofort, sein Kind zu lieben, wohingegen das Kind erst nach einer gewissen Zeit beginnt, seinen Vater zu lieben; und je länger Liebe dauert, desto stärker ist sie, gemäß Sir 9,14: „Verlass keinen alten Freund, denn der neue wird ihm nicht gleich sein.“
Antwort auf Einwand 1: Die Schuld, die einem Prinzip gebührt, ist Unterwerfung aus Respekt und Ehre, wohingegen jene, die der Wirkung gebührt, eine des Einflusses und der Fürsorge ist. Daher besteht die Pflicht der Kinder gegenüber ihren Eltern hauptsächlich in der Ehre: während jene der Eltern gegenüber ihren Kindern besonders eine der Fürsorge ist.
Antwort auf Einwand 2: Es ist natürlich für einen Menschen als Vater, seine Kinder mehr zu lieben, wenn wir sie als eng mit ihm verbunden betrachten: aber wenn wir betrachten, welches das erhabenere Gut ist, liebt der Sohn natürlich seinen Vater mehr.
Antwort auf Einwand 3: Wie Augustinus sagt (De Doctr. Christ. I, 32), liebt Gott uns zu unserem Besten und zu Seiner Ehre. Da also unser Vater sich zu uns als Prinzip verhält, so wie Gott es tut, kommt es eigentlich dem Vater zu, Ehre von seinen Kindern zu empfangen, und den Kindern, von ihren Eltern mit dem versorgt zu werden, was gut für sie ist. Dennoch ist das Kind in Fällen der Notwendigkeit verpflichtet, aus den empfangenen Wohltaten für seine Eltern vor allen anderen zu sorgen.