II-II, q. 26 a. 1
Ob in der Liebe eine Ordnung herrscht?
Quaestio 26 · Von der Ordnung der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass in der Liebe keine Ordnung herrscht. Denn die Liebe ist eine Tugend. Den anderen Tugenden wird aber keine Ordnung zugeschrieben. Also sollte auch der Liebe keine Ordnung zugeschrieben werden.
Einwand 2: Ferner: Wie der Gegenstand des Glaubens die Erste Wahrheit ist, so ist der Gegenstand der Liebe das Höchste Gut. Nun ist für den Glauben keine Ordnung festgesetzt, sondern alles wird gleichermaßen geglaubt. Also sollte auch in der Liebe keine Ordnung bestehen.
Einwand 3: Ferner: Die Liebe ist im Willen; das Ordnen aber gehört nicht zum Willen, sondern zur Vernunft. Daher sollte der Liebe keine Ordnung zugeschrieben werden.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Hld 2,4): „Er führte mich in den Weinkeller, er ordnete in mir die Liebe.“
Ich antworte darauf: Wie der Philosoph sagt (Metaph. V, Text. 16), werden die Begriffe „vorher“ und „nachher“ in Bezug auf ein Prinzip verwendet. Ordnung impliziert nun, dass bestimmte Dinge in irgendeiner Weise vorher oder nachher sind. Wo immer es also ein Prinzip gibt, muss es notwendigerweise auch eine Art von Ordnung geben. Es wurde aber oben gesagt (Quaestio [23], Artikel [1]; Quaestio [25], Artikel [12]), dass die Liebe zu Gott als dem Prinzip der Seligkeit strebt, auf deren Gemeinschaft die Freundschaft der Liebe gründet. Folglich muss es notwendigerweise eine Ordnung in den Dingen geben, die aus Liebe geliebt werden, welche Ordnung sich auf das erste Prinzip dieser Liebe bezieht, welches Gott ist.
Antwort auf Einwand 1: Die Liebe strebt zum letzten Ziel, insofern es das letzte Ziel ist; und dies gilt für keine andere Tugend, wie oben dargelegt (Quaestio [23], Artikel [6]). Nun hat das Ziel in Angelegenheiten des Begehrens und Handelns den Charakter eines Prinzips, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [23], Artikel [7], ad 2; I-II, Artikel [1], ad 1). Daher impliziert die Liebe vor allem eine Beziehung zum Ersten Prinzip, und folglich finden wir in der Liebe vor allem eine Ordnung in Bezug auf das Erste Prinzip.
Antwort auf Einwand 2: Der Glaube gehört zur Erkenntniskraft, deren Tätigkeit davon abhängt, dass das Erkannte im Erkennenden ist. Andererseits befindet sich die Liebe in einer begehrenden Kraft, deren Tätigkeit darin besteht, dass die Seele zu den Dingen selbst strebt. Nun findet sich die Ordnung in den Dingen selbst und fließt von ihnen in unsere Erkenntnis. Daher ist die Ordnung der Liebe angemessener als dem Glauben.
Und doch gibt es eine gewisse Ordnung im Glauben, insofern er sich hauptsächlich auf Gott bezieht und sekundär auf Dinge, die auf Gott bezogen sind.
Antwort auf Einwand 3: Die Ordnung gehört zur Vernunft als dem Vermögen, das ordnet, und zur begehrenden Kraft als dem Vermögen, das geordnet wird. Auf diese Weise wird ausgesagt, dass die Ordnung in der Liebe ist.