II-II, q. 26 a. 3
Ob der Mensch aus Liebe verpflichtet ist, Gott mehr zu lieben als sich selbst?
Quaestio 26 · Von der Ordnung der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch nicht verpflichtet ist, aus Liebe Gott mehr zu lieben als sich selbst. Denn der Philosoph sagt (Ethic. IX, 8), dass „die freundschaftlichen Beziehungen eines Menschen zu anderen aus seinen freundschaftlichen Beziehungen zu sich selbst entstehen.“ Nun ist die Ursache stärker als ihre Wirkung. Daher ist die Freundschaft des Menschen zu sich selbst größer als seine Freundschaft zu irgendeinem anderen. Daher sollte er sich selbst mehr lieben als Gott.
Einwand 2: Ferner: Man liebt ein Ding insoweit, als es das eigene Gut ist. Nun wird der Grund für das Lieben eines Dinges mehr geliebt als das Ding selbst, das aus diesem Grund geliebt wird, so wie die Prinzipien, die der Grund für das Erkennen eines Dinges sind, mehr erkannt werden. Daher liebt der Mensch sich selbst mehr als jedes andere von ihm geliebte Gut. Daher liebt er Gott nicht mehr als sich selbst.
Einwand 3: Ferner: Ein Mensch liebt Gott so sehr, wie er es liebt, Gott zu genießen. Aber ein Mensch liebt sich selbst so sehr, wie er es liebt, Gott zu genießen; da dies das höchste Gut ist, das ein Mensch sich selbst wünschen kann. Daher ist der Mensch nicht verpflichtet, aus Liebe Gott mehr zu lieben als sich selbst.
Dagegen spricht: Augustinus sagt (De Doctr. Christ. I, 22): „Wenn du dich selbst lieben sollst, nicht um deiner selbst willen, sondern um dessentwillen, in dem das rechteste Ziel deiner Liebe ist, so nehme kein anderer Mensch Anstoß, wenn du auch ihn um Gottes willen liebst.“ Nun ist „die Ursache dafür, dass ein Ding so beschaffen ist, noch mehr so beschaffen“. Daher muss der Mensch Gott mehr lieben als sich selbst.
Ich antworte darauf: Das Gut, das wir von Gott empfangen, ist zweifach: das Gut der Natur und das Gut der Gnade. Nun ist die Gemeinschaft der natürlichen Güter, die uns von Gott verliehen wurden, die Grundlage der natürlichen Liebe, kraft derer nicht nur der Mensch, solange seine Natur unversehrt bleibt, Gott über alles und mehr als sich selbst liebt, sondern auch jede einzelne Kreatur, jede auf ihre Weise, d.h. entweder durch eine intellektuelle, oder durch eine rationale, oder durch eine tierische, oder zumindest durch eine natürliche Liebe, wie zum Beispiel Steine und andere Dinge ohne Erkenntnis, weil jeder Teil von Natur aus das Gemeinwohl des Ganzen mehr liebt als sein eigenes besonderes Gut. Dies wird durch seine Tätigkeit belegt, da die hauptsächliche Neigung jedes Teils auf gemeinsames Handeln gerichtet ist, das dem Wohl des Ganzen dient. Man sieht dies auch in den bürgerlichen Tugenden, wodurch die Bürger manchmal sogar Schaden an ihrem eigenen Eigentum und ihrer Person um des Gemeinwohls willen erleiden. Umso mehr wird dies in Bezug auf die Freundschaft der Liebe verwirklicht, die auf der Gemeinschaft der Gnadengaben gründet.
Daher muss der Mensch aus Liebe Gott, der das Gemeinwohl aller ist, mehr lieben als sich selbst: da die Seligkeit in Gott ist als im universalen und quellhaften Prinzip aller, die fähig sind, an dieser Seligkeit teilzuhaben.
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph spricht von freundschaftlichen Beziehungen zu einer anderen Person, in der das Gut, das Gegenstand der Freundschaft ist, in einer eingeschränkten Weise wohnt; und nicht von freundschaftlichen Beziehungen zu einem anderen, in dem das genannte Gut in seiner Gesamtheit wohnt.
Antwort auf Einwand 2: Der Teil liebt zwar das Wohl des Ganzen, wie es einem Teil zukommt, jedoch nicht so, dass er das Wohl des Ganzen auf sich selbst bezieht, sondern vielmehr sich selbst auf das Wohl des Ganzen.
Antwort auf Einwand 3: Dass ein Mensch Gott genießen will, gehört zu jener Liebe zu Gott, die Liebe der Begierde ist. Nun lieben wir Gott mit der Liebe der Freundschaft mehr als mit der Liebe der Begierde, weil das göttliche Gut in sich selbst größer ist als unser Anteil am Gut im Genuss Seiner selbst. Daher liebt der Mensch aus Liebe Gott schlechthin mehr als sich selbst.