II-II, q. 26 a. 13
Ob die Ordnung der Liebe im Himmel fortbesteht?
Quaestio 26 · Von der Ordnung der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass die Ordnung der Liebe im Himmel nicht fortbesteht. Denn Augustinus sagt (De Vera Relig. XLVIII): „Die vollkommene Liebe besteht darin, größere Güter mehr zu lieben und geringere Güter weniger.“ Nun wird die Liebe im Himmel vollkommen sein. Daher wird ein Mensch jene, die besser sind, mehr lieben als entweder sich selbst oder jene, die mit ihm verbunden sind.
Einwand 2: Ferner: Wir lieben den mehr, dem wir ein größeres Gut wünschen. Nun wünscht jeder im Himmel jenen ein größeres Gut, die mehr Gut haben, sonst wäre sein Wille nicht in allen Dingen dem Willen Gottes gleichförmig: und dort besser zu sein heißt, mehr Gut zu haben. Daher liebt im Himmel jeder jene mehr, die besser sind, und folglich liebt er andere mehr als sich selbst, und einen, der nicht mit ihm verbunden ist, mehr als einen, der es ist.
Einwand 3: Ferner: Im Himmel wird die Liebe ganz um Gottes willen sein, denn dann werden die Worte von 1 Kor 15,28 erfüllt sein: „Dass Gott alles in allem sei.“ Daher wird derjenige, der Gott näher ist, mehr geliebt werden, so dass ein Mensch einen besseren Menschen mehr lieben wird als sich selbst, und einen, der nicht mit ihm verbunden ist, mehr als einen, der es ist.
Dagegen spricht: Die Natur wird durch die Herrlichkeit nicht aufgehoben, sondern vollendet. Nun leitet sich die oben angegebene Ordnung der Liebe (Artikel [2], 3, 4) von der Natur ab: da alle Dinge von Natur aus sich selbst mehr lieben als andere. Daher wird diese Ordnung der Liebe im Himmel fortbestehen.
Ich antworte darauf: Die Ordnung der Liebe muss im Himmel notwendigerweise bleiben, was die Liebe zu Gott über alles betrifft. Denn dies wird schlechthin verwirklicht sein, wenn der Mensch Gott vollkommen genießen wird. Aber was die Ordnung zwischen dem Menschen selbst und anderen Menschen betrifft, scheint eine Unterscheidung notwendig zu sein, weil, wie wir oben feststellten (Artikel [7], 9), die Grade der Liebe entweder in Bezug auf das Gut unterschieden werden können, das ein Mensch für einen anderen begehrt, oder gemäß der Intensität der Liebe selbst. Auf die erste Weise wird ein Mensch bessere Menschen mehr lieben als sich selbst, und jene, die weniger gut sind, weniger als sich selbst: weil aufgrund der vollkommenen Gleichförmigkeit des menschlichen mit dem göttlichen Willen jeder der Seligen wünschen wird, dass jeder das hat, was ihm gemäß der göttlichen Gerechtigkeit gebührt. Auch wird das keine Zeit sein, um mittels Verdienst zu einem noch größeren Lohn voranzuschreiten, wie es jetzt geschieht, während es für einen Menschen möglich ist, sowohl die Tugend als auch den Lohn eines besseren Menschen zu begehren, wohingegen dann der Wille eines jeden innerhalb der von Gott bestimmten Grenzen ruhen wird. Aber auf die zweite Weise wird ein Mensch sich selbst mehr lieben als sogar seine besseren Nächsten, weil die Intensität des Liebesaktes auf Seiten der Person entsteht, die liebt, wie oben dargelegt (Artikel [7], 9). Überdies wird die Gabe der Liebe von Gott jedem zu diesem Zweck verliehen, nämlich dass er zuerst seinen Geist auf Gott richte, und dies gehört zur Liebe des Menschen zu sich selbst, und dass er zweitens wünsche, dass andere Dinge auf Gott ausgerichtet werden, und sogar für dieses Ziel gemäß seiner Fähigkeit wirke.
Was die Ordnung betrifft, die unter unseren Nächsten zu beachten ist, wird ein Mensch jene, die besser sind, schlechthin lieben, gemäß der Liebe der Caritas. Weil das gesamte Leben der Seligen darin besteht, ihren Geist auf Gott zu richten, weshalb die gesamte Ordnung ihrer Liebe in Bezug auf Gott geregelt sein wird, so dass jeder jene mehr lieben und sich selbst als näher erachten wird, die Gott näher sind. Denn dann wird ein Mensch dem anderen nicht mehr zu Hilfe kommen, wie er es im gegenwärtigen Leben muss, worin jeder Mensch eher jenen zu Hilfe kommen muss, die ihm eng verbunden sind, als jenen, die es nicht sind, egal welcher Art ihre Not sei: daher kommt es, dass in diesem Leben ein Mensch durch die Neigung der Liebe jene mehr liebt, die ihm enger vereint sind, denn er ist stärker verpflichtet, ihnen die Wirkung der Liebe zu erweisen. Es wird jedoch im Himmel möglich sein, dass ein Mensch einen, der mit ihm verbunden ist, auf mehrere Arten liebt, da die Ursachen der tugendhaften Liebe nicht aus dem Geist der Seligen verbannt sein werden. Doch werden all diese Gründe unvergleichlich übertroffen durch jenen, der von der Nähe zu Gott genommen ist.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument sollte in Bezug auf jene zugestanden werden, die miteinander verbunden sind; aber was den Menschen selbst betrifft, so muss er sich selbst umso mehr lieben als andere, als seine Liebe vollkommener ist, da die vollkommene Liebe den Menschen vollkommen auf Gott ausrichtet, und dies gehört zur Liebe seiner selbst, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument betrachtet die Ordnung der Liebe in Bezug auf den Grad des Gutes, das man der Person will, die man liebt.
Antwort auf Einwand 3: Gott wird für jeden der gesamte Grund seiner Liebe sein, denn Gott ist das gesamte Gut des Menschen. Denn wenn wir die unmögliche Annahme machen, dass Gott nicht das Gut des Menschen wäre, wäre Er nicht der Grund des Menschen für das Lieben. Daher kommt es, dass in der Ordnung der Liebe der Mensch sich selbst mehr lieben sollte als alles andere nach Gott.