II-II, q. 26 a. 7
Ob wir die Besseren mehr lieben müssen als die uns enger Verbundenen?
Quaestio 26 · Von der Ordnung der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass wir die Besseren mehr lieben müssen als die uns enger Verbundenen. Denn das, was in keiner Weise hassenswert ist, scheint liebenswerter zu sein als das, was aus irgendeinem Grund hassenswert ist: so wie ein Ding umso weißer ist, je weniger Schwarz ihm beigemischt ist. Nun sind jene, die mit uns verbunden sind, aus irgendeinem Grund hassenswert, gemäß Lk 14,26: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater“, usw. Andererseits sind gute Menschen aus keinem Grund hassenswert. Daher scheint es, dass wir die Besseren mehr lieben müssen als jene, die uns enger verbunden sind.
Einwand 2: Ferner: Durch die Liebe vor allem wird der Mensch Gott ähnlich. Aber Gott liebt den besseren Menschen mehr. Daher muss auch der Mensch aus Liebe den besseren Menschen mehr lieben als einen, der ihm enger verbunden ist.
Einwand 3: Ferner: In jeder Freundschaft muss das am meisten geliebt werden, was am meisten mit dem Fundament dieser Freundschaft zu tun hat: denn durch natürliche Freundschaft lieben wir am meisten jene, die uns durch die Natur verbunden sind, unsere Eltern zum Beispiel oder unsere Kinder. Nun gründet die Freundschaft der Liebe auf der Gemeinschaft der Seligkeit, die mehr mit besseren Menschen zu tun hat als mit jenen, die uns enger verbunden sind. Daher müssen wir aus Liebe bessere Menschen mehr lieben als jene, die uns enger verbunden sind.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (1 Tim 5,8): „Wenn jemand für die Seinen, besonders für seine Hausgenossen, nicht sorgt, hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger.“ Nun muss die innere Zuneigung der Liebe der äußeren Wirkung entsprechen. Daher berücksichtigt die Liebe jene, die uns näher sind, vor jenen, die besser sind.
Ich antworte darauf: Jeder Akt sollte sowohl seinem Objekt als auch dem Handelnden proportional sein. Aber von seinem Objekt nimmt er seine Spezies, während er von der Kraft des Handelnden den Modus seiner Intensität nimmt: so hat die Bewegung ihre Spezies von dem Ziel, zu dem sie tendiert, während die Intensität ihrer Geschwindigkeit von der Disposition des bewegten Dinges und der Kraft des Bewegers herrührt. Dementsprechend nimmt die Liebe ihre Spezies von ihrem Objekt, aber ihre Intensität ist dem Liebenden geschuldet.
Nun ist das Objekt der Liebe der Caritas Gott, und der Mensch ist der Liebende. Daher hängt die spezifische Verschiedenheit der Liebe, die in Übereinstimmung mit der Caritas ist, was die Liebe zu unserem Nächsten betrifft, von dessen Beziehung zu Gott ab, so dass wir aus Liebe einem, der Gott näher ist, ein größeres Gut wünschen sollten; denn obwohl das Gut, das die Liebe allen wünscht, nämlich die ewige Seligkeit, in sich eins ist, hat es doch verschiedene Grade gemäß verschiedenen Anteilen an der Seligkeit, und es gehört zur Liebe, zu wünschen, dass Gottes Gerechtigkeit gewahrt bleibt, gemäß welcher bessere Menschen einen volleren Anteil an der Seligkeit haben. Und dies betrifft die Spezies der Liebe; denn es gibt verschiedene Spezies der Liebe gemäß den verschiedenen Gütern, die wir für jene wünschen, die wir lieben.
Andererseits wird die Intensität der Liebe im Hinblick auf den Menschen gemessen, der liebt, und dementsprechend liebt der Mensch jene, die ihm enger verbunden sind, mit intensiverer Zuneigung in Bezug auf das Gut, das er ihnen wünscht, als er jene liebt, die besser sind, in Bezug auf das größere Gut, das er ihnen wünscht.
Wiederum muss hier ein weiterer Unterschied beachtet werden: Denn einige Nächste sind mit uns durch ihren natürlichen Ursprung verbunden, eine Verbindung, die nicht getrennt werden kann, da dieser Ursprung sie zu dem macht, was sie sind. Aber die Güte der Tugend, worin einige Gott nahe sind, kann kommen und gehen, zunehmen und abnehmen, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [24], Artikel [4], 10, 11). Daher ist es möglich, dass man aus Liebe wünscht, dass dieser Mensch, der einem enger verbunden ist, besser sei als ein anderer und so einen höheren Grad der Seligkeit erreiche.
Überdies gibt es noch einen weiteren Grund, aus dem wir aus Liebe jene mehr lieben, die uns näher verbunden sind, da wir sie auf mehr Arten lieben. Denn gegenüber jenen, die nicht mit uns verbunden sind, haben wir keine andere Freundschaft als die Liebe (Caritas), wohingegen wir für jene, die mit uns verbunden sind, gewisse andere Freundschaften haben, gemäß der Art, wie sie verbunden sind. Da nun das Gut, auf dem jede andere Freundschaft der Tugendhaften gründet, als auf sein Ziel auf das Gut ausgerichtet ist, auf dem die Liebe (Caritas) gründet, folgt daraus, dass die Liebe jeden Akt einer anderen Freundschaft befiehlt, so wie die Kunst, die sich mit dem Ziel befasst, die Kunst befiehlt, die sich mit den Mitteln befasst. Folglich kann eben dieser Akt, jemanden zu lieben, weil er verwandt oder mit uns verbunden ist, oder weil er ein Landsmann ist oder aus irgendeinem ähnlichen Grund, der auf das Ziel der Liebe beziehbar ist, von der Liebe befohlen werden, so dass wir aus der Liebe, die sowohl hervorbringt als auch befiehlt, jene auf mehr Arten lieben, die uns näher verbunden sind.
Antwort auf Einwand 1: Uns ist geboten, in unseren Verwandten nicht ihre Verwandtschaft zu hassen, sondern nur die Tatsache, dass sie ein Hindernis zwischen uns und Gott sind. In dieser Hinsicht sind sie nicht verwandt, sondern uns feindlich, gemäß Micha 7,6: „Des Menschen Feinde sind seine eigenen Hausgenossen.“
Antwort auf Einwand 2: Die Liebe macht den Menschen Gott proportional gleichförmig, indem sie den Menschen dazu bringt, sich gegenüber dem Seinen so zu verhalten, wie Gott es gegenüber dem Seinen tut. Denn wir können aus Liebe bestimmte Dinge als uns angemessen wollen, die Gott nicht will, weil es Ihm nicht zukommt, sie zu wollen, wie oben dargelegt (I-II, Quaestio [19], Artikel [10]), als wir von der Güte des Willens handelten.
Antwort auf Einwand 3: Die Liebe bringt den Akt des Liebens nicht nur in Bezug auf das Objekt hervor, sondern auch in Bezug auf den Liebenden, wie oben dargelegt. Das Ergebnis ist, dass der Mensch, der uns näher verbunden ist, mehr geliebt wird.