II-II, q. 26 a. 10
Ob ein Mensch seine Mutter mehr lieben muss als seinen Vater?
Quaestio 26 · Von der Ordnung der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass ein Mensch seine Mutter mehr lieben muss als seinen Vater. Denn wie der Philosoph sagt (De Gener. Animal. I, 20), „bringt das Weibliche bei der Zeugung den Körper hervor.“ Nun empfängt der Mensch seine Seele nicht von seinem Vater, sondern von Gott durch Schöpfung, wie im FP, Quaestio [90], Artikel [2]; Quaestio [118] dargelegt. Daher empfängt ein Mensch mehr von seiner Mutter als von seinem Vater: und folglich muss er sie mehr lieben als ihn.
Einwand 2: Ferner: Wo größere Liebe gegeben wird, ist größere Liebe geschuldet. Nun liebt eine Mutter ihr Kind mehr als der Vater es tut: denn der Philosoph sagt (Ethic. IX, 7), dass „Mütter größere Liebe zu ihren Kindern haben. Denn die Mutter müht sich mehr beim Gebären, und sie weiß sicherer als der Vater, wer ihre Kinder sind.“
Einwand 3: Ferner: Liebe sollte zärtlicher gegenüber jenen sein, die sich mehr für uns gemüht haben, gemäß Röm 16,6: „Grüßt Maria, die sich viel um euch gemüht hat.“ Nun müht sich die Mutter mehr als der Vater bei der Geburt und Erziehung ihres Kindes; weshalb geschrieben steht (Sir 7,29): „Vergiss nicht das Stöhnen deiner Mutter.“ Daher muss ein Mensch seine Mutter mehr lieben als seinen Vater.
Dagegen spricht: Hieronymus sagt zu Ezech. 44,25, dass „der Mensch Gott, den Vater aller, lieben muss, und dann seinen eigenen Vater“, und erwähnt die Mutter danach.
Ich antworte darauf: Bei solchen Vergleichen wie diesem müssen wir die Antwort im strengen Sinne nehmen, so dass die vorliegende Frage ist, ob der Vater als Vater mehr geliebt werden muss als die Mutter als Mutter. Der Grund ist, dass Tugend und Laster in solchen Angelegenheiten einen solchen Unterschied machen können, dass Freundschaft vermindert oder zerstört werden kann, wie der Philosoph bemerkt (Ethic. VIII, 7). Daher sagt Ambrosius [*Origenes, Hom. II in Cant.]: „Gute Diener sollten bösen Kindern vorgezogen werden.“
Streng genommen jedoch sollte der Vater mehr geliebt werden als die Mutter. Denn Vater und Mutter werden als Prinzipien unseres natürlichen Ursprungs geliebt. Nun ist der Vater Prinzip in einer vorzüglicheren Weise als die Mutter, weil er das aktive Prinzip ist, während die Mutter ein passives und materielles Prinzip ist. Folglich ist, streng genommen, der Vater mehr zu lieben.
Antwort auf Einwand 1: Bei der Zeugung des Menschen liefert die Mutter die formlose Materie des Körpers; und letzterer empfängt seine Form durch die formgebende Kraft, die im Samen des Vaters ist. Und obwohl diese Kraft die vernunftbegabte Seele nicht erschaffen kann, disponiert sie doch die Materie des Körpers, jene Form zu empfangen.
Antwort auf Einwand 2: Dies gilt für eine andere Art von Liebe. Denn die Freundschaft zwischen Liebendem und Liebendem unterscheidet sich spezifisch von der Freundschaft zwischen Kind und Elternteil: während die Freundschaft, von der wir hier sprechen, jene ist, die ein Mensch seinem Vater und seiner Mutter schuldet, weil er von ihnen gezeugt wurde.
Die Antwort auf den dritten Einwand ist offensichtlich.