I, q. 79 a. 8
Ob die Vernunft vom Intellekt verschieden ist?
Quaestio 79 · Von den verstandesmäßigen Vermögen
Einwand 1: Es scheint, dass die Vernunft (ratio) ein vom Intellekt verschiedenes Vermögen ist. Denn es heißt in De Spiritu et Anima, dass „wenn wir von niedrigeren Dingen zu höheren aufsteigen wollen, uns zuerst der Sinn zu Hilfe kommt, dann die Einbildungskraft, dann die Vernunft, dann der Intellekt“. Daher ist die Vernunft vom Intellekt verschieden, wie die Einbildungskraft vom Sinn.
Einwand 2: Ferner sagt Boethius (De Consol. iv, 6), dass der Intellekt zur Vernunft verglichen wird wie die Ewigkeit zur Zeit. Aber es gehört nicht demselben Vermögen an, in der Ewigkeit und in der Zeit zu sein. Daher sind Vernunft und Intellekt nicht dasselbe Vermögen.
Einwand 3: Ferner hat der Mensch den Intellekt gemeinsam mit den Engeln und den Sinn gemeinsam mit den Tieren. Aber die Vernunft, die dem Menschen eigen ist, weshalb er ein vernunftbegabtes Tier (animal rationale) genannt wird, ist ein vom Sinn verschiedenes Vermögen. Daher ist es ebenso wahr zu sagen, dass sie vom Intellekt verschieden ist, der eigentlich dem Engel gehört: weshalb sie intellektuell genannt werden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Gen. ad lit. iii, 20), dass „das, worin der Mensch die vernunftlosen Tiere übertrifft, Vernunft oder Geist oder Intelligenz ist oder welchen passenden Namen auch immer wir ihm geben wollen“. Daher sind Vernunft, Intellekt und Geist ein Vermögen.
Ich antworte darauf, dass Vernunft und Intellekt im Menschen keine verschiedenen Vermögen sein können. Wir werden dies klar verstehen, wenn wir ihre jeweiligen Handlungen betrachten. Denn Verstehen bedeutet einfach, intelligible Wahrheit zu erfassen: und Vernünfteln (ratiocinari) bedeutet, von einer verstandenen Sache zu einer anderen fortzuschreiten, um eine intelligible Wahrheit zu erkennen. Und daher haben Engel, die gemäß ihrer Natur vollkommene Erkenntnis intelligibler Wahrheit besitzen, keine Notwendigkeit, von einer Sache zur anderen fortzuschreiten; sondern sie erfassen die Wahrheit einfach und ohne mentale Diskussion, wie Dionysius sagt (Div. Nom. vii). Aber der Mensch gelangt zur Erkenntnis intelligibler Wahrheit, indem er von einer Sache zur anderen fortschreitet; und daher wird er rational (vernunftbegabt) genannt. Das Vernünfteln wird daher mit dem Verstehen verglichen wie Bewegung mit Ruhe oder Erwerb mit Besitz; von denen das eine zum Vollkommenen, das andere zum Unvollkommenen gehört. Und da Bewegung immer von etwas Unbeweglichem ausgeht und in etwas Ruhendem endet; daher kommt es, dass das menschliche Vernünfteln auf dem Weg der Untersuchung und Entdeckung von bestimmten einfach verstandenen Dingen ausgeht – nämlich den ersten Prinzipien; und wiederum auf dem Weg des Urteils durch Analyse zu den ersten Prinzipien zurückkehrt, in deren Licht es prüft, was es gefunden hat. Nun ist es klar, dass Ruhe und Bewegung nicht auf verschiedene Vermögen bezogen werden müssen, sondern auf ein und dasselbe, selbst in natürlichen Dingen: da ein Ding durch dieselbe Natur zu einem bestimmten Ort bewegt wird. Viel mehr also verstehen und vernünfteln wir durch dasselbe Vermögen: und so ist es klar, dass im Menschen Vernunft und Intellekt dasselbe Vermögen sind.
Zu Einwand 1 ist zu sagen: Jene Aufzählung erfolgt gemäß der Ordnung der Handlungen, nicht gemäß der Unterscheidung der Vermögen. Überdies ist jenes Buch nicht von großer Autorität.
Zu Einwand 2 ist zu sagen: Die Antwort ergibt sich aus dem, was wir gesagt haben. Denn Ewigkeit wird mit Zeit verglichen wie Unbewegliches mit Beweglichem. Und so verglich Boethius den Intellekt mit der Ewigkeit und die Vernunft mit der Zeit.
Zu Einwand 3 ist zu sagen: Andere Tiere sind so viel niedriger als der Mensch, dass sie die Erkenntnis der Wahrheit, die die Vernunft sucht, nicht erreichen können. Aber der Mensch erreicht, wenn auch unvollkommen, die Erkenntnis intelligibler Wahrheit, die Engel wissen. Daher ist in den Engeln das Erkenntnisvermögen nicht von einer anderen Gattung als das, was in der menschlichen Vernunft ist, sondern wird mit ihm verglichen wie das Vollkommene mit dem Unvollkommenen.