I, q. 79 a. 3
Ob es einen tätigen Intellekt gibt?
Quaestio 79 · Von den verstandesmäßigen Vermögen
Einwand 1: Es scheint, dass es keinen tätigen Intellekt gibt. Denn wie sich die Sinne zu den sinnlichen Dingen verhalten, so verhält sich unser Intellekt zu den intelligiblen Dingen. Aber weil der Sinn in Potenz zu den sinnlichen Dingen ist, wird der Sinn nicht aktiv genannt, sondern nur passiv. Da also unser Intellekt in Potenz zu den intelligiblen Dingen ist, scheint es, dass wir nicht sagen können, der Intellekt sei aktiv, sondern nur, dass er passiv ist.
Einwand 2: Ferner, wenn wir sagen, dass auch in den Sinnen etwas Aktives ist, wie das Licht: Dagegen spricht, dass Licht für das Sehen erforderlich ist, insofern es das Medium tatsächlich leuchtend macht; denn Farbe bewegt ihrer Natur nach das leuchtende Medium. Aber in der Tätigkeit des Intellekts gibt es kein bestimmtes Medium, das in den Akt gebracht werden muss. Daher gibt es keine Notwendigkeit für einen tätigen Intellekt.
Einwand 3: Ferner wird das Abbild des Agens im Patiens gemäß der Natur des Patiens empfangen. Aber der passive Intellekt ist ein immaterielles Vermögen. Daher genügt seine immaterielle Natur, damit Formen immateriell in ihn aufgenommen werden. Nun ist eine Form allein dadurch aktuell intelligibel, dass sie immateriell ist. Daher bedarf es keines tätigen Intellekts, um die Spezies aktuell intelligibel zu machen.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (De Anima iii, 5): „Wie in jeder Natur, so gibt es auch in der Seele etwas, wodurch sie alles wird, und etwas, wodurch sie alles macht.“ Daher müssen wir einen tätigen Intellekt annehmen.
Ich antworte darauf, dass es nach der Meinung Platons keiner Notwendigkeit für einen tätigen Intellekt bedarf, um Dinge aktuell intelligibel zu machen; sondern vielleicht, um dem Intellekt intellektuelles Licht zu verleihen, wie weiter unten erklärt wird (Artikel [4]). Denn Platon nahm an, dass die Formen der natürlichen Dinge getrennt von der Materie bestehen und folglich intelligibel sind: da ein Ding allein dadurch aktuell intelligibel ist, dass es immateriell ist. Und er nannte solche Formen „Spezies oder Ideen“; durch deren Teilhabe, so sagte er, sogar die körperliche Materie geformt wurde, damit Individuen natürlicherweise in ihren eigenen Gattungen und Arten begründet würden: und dass unser Intellekt durch solche Teilhabe geformt wurde, um Erkenntnis von den Gattungen und Arten der Dinge zu haben. Aber da Aristoteles nicht zuließ, dass Formen natürlicher Dinge getrennt von der Materie existieren, und da Formen, die in der Materie existieren, nicht aktuell intelligibel sind, folgt daraus, dass die Naturen der Formen der sinnlichen Dinge, die wir verstehen, nicht aktuell intelligibel sind. Nun wird nichts von der Potenz zum Akt geführt außer durch etwas, das im Akt ist; wie die Sinne durch das aktuell Sinnliche in den Akt versetzt werden. Wir müssen daher aufseiten des Intellekts irgendein Vermögen annehmen, um Dinge durch Abstraktion der Spezies von materiellen Bedingungen aktuell intelligibel zu machen. Und dies ist die Notwendigkeit für einen tätigen Intellekt.
Zu Einwand 1 ist zu sagen: Sinnliche Dinge finden sich im Akt außerhalb der Seele; und daher bedarf es keines tätigen Sinnes. Daher ist es klar, dass im nutritiven Teil alle Vermögen aktiv sind, während im sensitiven Teil alle passiv sind: aber im intellektuellen Teil gibt es etwas Aktives und etwas Passives.
Zu Einwand 2 ist zu sagen: Es gibt zwei Meinungen über die Wirkung des Lichts. Denn einige sagen, dass Licht für das Sehen erforderlich ist, um Farben aktuell sichtbar zu machen. Und demnach ist der tätige Intellekt für das Verstehen in gleicher Weise und aus demselben Grund erforderlich, wie Licht für das Sehen erforderlich ist. Aber nach der Meinung anderer ist Licht für das Sehen erforderlich, nicht damit die Farben aktuell sichtbar werden, sondern damit das Medium aktuell leuchtend wird, wie der Kommentator zu De Anima ii sagt. Und demnach bewahrheitet sich Aristoteles' Vergleich des tätigen Intellekts mit dem Licht darin, dass er für das Verstehen erforderlich ist, so wie Licht für das Sehen erforderlich ist; aber nicht aus demselben Grund.
Zu Einwand 3 ist zu sagen: Wenn das Agens präexistiert, kann es wohl geschehen, dass sein Abbild aufgrund ihrer Dispositionen verschiedenartig in verschiedenen Dingen empfangen wird. Aber wenn das Agens nicht präexistiert, hat die Disposition des Empfängers nichts mit der Sache zu tun. Nun ist das aktuell Intelligible nichts in der Natur Existierendes, wenn wir die Natur der sinnlichen Dinge betrachten, die nicht getrennt von der Materie bestehen. Und daher würde, um sie zu verstehen, die immaterielle Natur des passiven Intellekts nicht ausreichen ohne die Anwesenheit des tätigen Intellekts, der die Dinge durch Abstraktion aktuell intelligibel macht.