I, q. 79 a. 5
Ob der tätige Intellekt einer in allen ist?
Quaestio 79 · Von den verstandesmäßigen Vermögen
Einwand 1: Es scheint, dass es einen einzigen tätigen Intellekt in allen gibt. Denn was vom Körper getrennt ist, wird nicht gemäß der Anzahl der Körper vervielfältigt. Aber der tätige Intellekt ist „getrennt“, wie der Philosoph sagt (De Anima iii, 5). Daher wird er nicht in den vielen menschlichen Körpern vervielfältigt, sondern ist einer für alle Menschen.
Einwand 2: Ferner ist der tätige Intellekt die Ursache des Universalen, welches eines in vielen ist. Aber das, was die Ursache der Einheit ist, ist noch mehr selbst eins. Daher ist der tätige Intellekt derselbe in allen.
Einwand 3: Ferner stimmen alle Menschen in den ersten intellektuellen Begriffen überein. Aber diesen stimmen sie durch den tätigen Intellekt zu. Daher stimmen alle in einem tätigen Intellekt überein.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (De Anima iii, 5), dass der tätige Intellekt wie ein Licht ist. Aber Licht ist nicht dasselbe in den verschiedenen erleuchteten Dingen. Daher ist nicht derselbe tätige Intellekt in verschiedenen Menschen.
Ich antworte darauf, dass die Wahrheit über diese Frage davon abhängt, was wir bereits gesagt haben (Artikel [4]). Denn wenn der tätige Intellekt nicht etwas zur Seele Gehöriges wäre, sondern irgendeine getrennte Substanz, gäbe es einen tätigen Intellekt für alle Menschen. Und das ist es, was jene meinen, die behaupten, dass es einen tätigen Intellekt für alle gibt. Aber wenn der tätige Intellekt etwas zur Seele Gehöriges ist, als eines ihrer Vermögen, sind wir gezwungen zu sagen, dass es so viele tätige Intellekte gibt, wie es Seelen gibt, die gemäß der Anzahl der Menschen vervielfältigt werden, wie wir oben gesagt haben (Quaestio [76], Artikel [2]). Denn es ist unmöglich, dass ein und dasselbe Vermögen verschiedenen Substanzen angehört.
Zu Einwand 1 ist zu sagen: Der Philosoph beweist, dass der tätige Intellekt getrennt ist, durch die Tatsache, dass der passive Intellekt getrennt ist: weil, wie er sagt (De Anima iii, 5), „das Agens edler ist als das Patiens“. Nun wird der passive Intellekt getrennt genannt, weil er nicht der Akt irgendeines körperlichen Organs ist. Und im selben Sinne wird auch der tätige Intellekt „getrennt“ genannt; aber nicht als eine getrennte Substanz.
Zu Einwand 2 ist zu sagen: Der tätige Intellekt ist die Ursache des Universalen, indem er es von der Materie abstrahiert. Aber zu diesem Zweck muss es nicht derselbe Intellekt in allen intelligenten Wesen sein; sondern er muss eins sein in seiner Beziehung zu all jenen Dingen, von denen er das Universale abstrahiert, in Bezug auf welche Dinge das Universale eins ist. Und dies kommt dem tätigen Intellekt zu, insofern er immateriell ist.
Zu Einwand 3 ist zu sagen: Alle Dinge, die von einer Art sind, genießen gemeinsam die Handlung, die die Natur der Art begleitet, und folglich das Vermögen, das das Prinzip einer solchen Handlung ist; aber nicht so, dass jenes Vermögen in allen identisch ist. Nun ist das Erkennen der ersten intelligiblen Prinzipien die Handlung, die zur menschlichen Spezies gehört. Daher genießen alle Menschen gemeinsam das Vermögen, das das Prinzip dieser Handlung ist: und dieses Vermögen ist der tätige Intellekt. Aber es besteht keine Notwendigkeit, dass er in allen identisch ist. Doch muss er von allen aus einem Prinzip abgeleitet sein. Und so beweist der gemeinsame Besitz der ersten Prinzipien durch alle Menschen die Einheit des getrennten Intellekts, den Platon mit der Sonne vergleicht; aber nicht die Einheit des tätigen Intellekts, den Aristoteles mit dem Licht vergleicht.