I, q. 12 a. 9
Ob das, was in Gott von denen gesehen wird, die das göttliche Wesen sehen, durch irgendeine Ähnlichkeit gesehen wird?
Quaestio 12 · Wie Gott von uns erkannt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass das, was in Gott von denen gesehen wird, die das göttliche Wesen sehen, mittels irgendeiner Ähnlichkeit gesehen wird. Denn jede Art von Erkenntnis kommt dadurch zustande, dass der Erkennende dem erkannten Objekt angeglichen wird. Denn so wird der Intellekt im Akt das aktuell Intelligible, und der Sinn im Akt wird das aktuell Sinnfällige, insofern er durch eine Ähnlichkeit des Objekts informiert wird, wie das Auge durch die Ähnlichkeit der Farbe. Wenn daher der Intellekt eines, der das göttliche Wesen sieht, irgendwelche Geschöpfe in Gott versteht, muss er durch ihre Ähnlichkeiten informiert werden.
Einwand 2: Ferner behalten wir im Gedächtnis, was wir gesehen haben. Aber Paulus, der das Wesen Gottes sah, während er in Ekstase war, erinnerte sich, als er aufgehört hatte, das göttliche Wesen zu sehen, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. ii, 28,34), an viele der Dinge, die er in der Entrückung gesehen hatte; daher sagte er: „Ich habe geheime Worte gehört, die auszusprechen dem Menschen nicht gestattet ist“ (2 Kor 12,4). Daher muss gesagt werden, dass gewisse Ähnlichkeiten dessen, woran er sich erinnerte, in seinem Geist blieben; und auf gleiche Weise hatte er, als er das Wesen Gottes aktuell sah, gewisse Ähnlichkeiten oder Ideen dessen, was er aktuell in ihm sah.
Dagegen spricht, Ein Spiegel und was in ihm ist, werden mittels einer einzigen Ähnlichkeit gesehen. Aber alle Dinge werden in Gott wie in einem intelligiblen Spiegel gesehen. Wenn daher Gott selbst nicht durch irgendeine Ähnlichkeit gesehen wird, sondern durch Sein eigenes Wesen, werden auch die Dinge, die in Ihm gesehen werden, nicht durch irgendwelche Ähnlichkeiten oder Ideen gesehen.
Ich antworte darauf, Diejenigen, die das göttliche Wesen sehen, sehen das, was sie in Gott sehen, nicht durch irgendeine Ähnlichkeit, sondern durch das göttliche Wesen selbst, das mit ihrem Intellekt vereinigt ist. Denn jedes Ding wird insofern erkannt, als seine Ähnlichkeit in demjenigen ist, der erkennt. Nun findet dies auf zwei Weisen statt. Denn da Dinge, die ein und demselben Ding ähnlich sind, einander ähnlich sind, kann die kognitive Fähigkeit jedem erkennbaren Objekt auf zwei Weisen angeglichen werden. Auf eine Weise wird sie durch das Objekt selbst angeglichen, wenn sie direkt durch eine Ähnlichkeit informiert wird, und dann wird das Objekt in sich selbst erkannt. Auf eine andere Weise, wenn sie durch eine Ähnlichkeit informiert wird, die dem Objekt ähnelt; und auf diese Weise ist die Erkenntnis nicht vom Ding an sich, sondern vom Ding in seiner Ähnlichkeit. Denn die Erkenntnis eines Menschen an sich unterscheidet sich von der Erkenntnis von ihm in seinem Bild. Daher heißt, Dinge so durch ihre Ähnlichkeit in demjenigen zu erkennen, der erkennt, sie an sich oder in ihrer eigenen Natur zu erkennen; wohingegen sie durch ihre Ähnlichkeiten, die in Gott präexistieren, zu erkennen, heißt, sie in Gott zu sehen. Nun gibt es einen Unterschied zwischen diesen zwei Arten der Erkenntnis. Daher werden sie gemäß der Erkenntnis, wodurch Dinge von denen erkannt werden, die das Wesen Gottes sehen, in Gott selbst nicht durch irgendwelche anderen Ähnlichkeiten gesehen, sondern durch das göttliche Wesen allein, das dem Intellekt gegenwärtig ist; durch welches auch Gott selbst gesehen wird.
Antwort auf Einwand 1: Der geschaffene Intellekt eines, der Gott sieht, wird dem angeglichen, was in Gott gesehen wird, insofern er mit dem göttlichen Wesen vereinigt ist, in welchem die Ähnlichkeiten aller Dinge präexistieren.
Antwort auf Einwand 2: Einige der kognitiven Fähigkeiten bilden andere Bilder aus jenen zuerst empfangenen; so kann die Einbildungskraft aus den zuvor empfangenen Bildern eines Berges und von Gold die Ähnlichkeit eines goldenen Berges bilden; und der Intellekt bildet aus den zuvor empfangenen Ideen von Gattung und Differenz die Idee der Spezies; in gleicher Weise können wir aus der Ähnlichkeit eines Bildes in unserem Geist die Ähnlichkeit des Originals des Bildes bilden. So kann Paulus oder jede andere Person, die Gott sieht, durch eben die Schau des göttlichen Wesens in sich selbst die Ähnlichkeiten dessen bilden, was im göttlichen Wesen gesehen wird, welche in Paulus blieben, selbst als er aufgehört hatte, das Wesen Gottes zu sehen. Dennoch ist diese Art der Schau, wodurch Dinge durch diese so empfangene Ähnlichkeit gesehen werden, nicht dieselbe wie jene, wodurch Dinge in Gott gesehen werden.