I, q. 12 a. 2
Ob das Wesen Gottes vom geschaffenen Intellekt durch ein Bild gesehen wird?
Quaestio 12 · Wie Gott von uns erkannt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass das Wesen Gottes vom geschaffenen Intellekt durch ein Bild gesehen wird. Denn es steht geschrieben: „Wir wissen, dass wir, wenn Er erscheint, Ihm gleich sein werden, und [Vulg.: ‚weil‘] wir Ihn sehen werden, wie Er ist“ (1 Joh 3,2).
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Trin. v): „Wenn wir Gott erkennen, wird irgendeine Ähnlichkeit Gottes in uns bewirkt.“
Einwand 3: Ferner ist der Intellekt im Akt das aktuell Intelligible; wie der Sinn im Akt das aktuell Sinnfällige ist. Dies geschieht aber insofern, als der Sinn durch die Ähnlichkeit des sinnfälligen Objekts informiert wird und der Intellekt durch die Ähnlichkeit des verstandenen Dinges. Wenn also Gott vom geschaffenen Intellekt im Akt gesehen wird, muss es sein, dass Er durch irgendeine Ähnlichkeit gesehen wird.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. xv), dass, wenn der Apostel sagt: „Wir sehen durch einen Spiegel und in einem Rätsel“, „durch die Begriffe ‚Spiegel‘ und ‚Rätsel‘ gewisse Ähnlichkeiten von ihm bezeichnet werden, die der Schau Gottes angepasst sind.“ Aber das Wesen Gottes zu sehen, ist keine rätselhafte noch eine spekulative Schau, sondern ist im Gegenteil von entgegengesetzter Art. Daher wird das göttliche Wesen nicht durch eine Ähnlichkeit gesehen.
Ich antworte darauf, Zwei Dinge sind sowohl für das sinnliche als auch für das intellektuelle Sehen erforderlich – nämlich die Sehkraft und die Vereinigung des Gesehenen mit dem Sehenden. Denn das Sehen wird nur dann aktuell, wenn das Gesehene auf eine gewisse Weise im Sehenden ist. Nun ist bei körperlichen Dingen klar, dass das Gesehene nicht durch sein Wesen im Sehenden sein kann, sondern nur durch seine Ähnlichkeit; wie die Ähnlichkeit eines Steins im Auge ist, wodurch das Sehen aktuell wird; wohingegen die Substanz des Steins nicht dort ist. Wenn aber das Prinzip der Sehkraft und das Gesehene ein und dasselbe Ding wären, würde notwendigerweise folgen, dass der Sehende sowohl die Sehkraft als auch die Form, durch die er sieht, von demselben einen Ding empfängt.
Nun ist offenkundig, dass Gott sowohl der Urheber der intellektuellen Kraft ist, als auch, dass Er vom Intellekt gesehen werden kann. Und da die intellektuelle Kraft der Kreatur nicht das Wesen Gottes ist, folgt, dass sie eine Art partizipierte Ähnlichkeit von Ihm ist, der der erste Intellekt ist. Daher wird auch die intellektuelle Kraft der Kreatur ein intelligibles Licht genannt, gleichsam abgeleitet vom ersten Licht, sei dies nun von der natürlichen Kraft verstanden oder von irgendeiner hinzugefügten Vollkommenheit der Gnade oder der Herrlichkeit. Um also Gott zu sehen, muss es irgendeine Ähnlichkeit Gottes aufseiten der Sehkraft geben, wodurch der Intellekt fähig gemacht wird, Gott zu sehen. Aber aufseiten des gesehenen Objekts, das notwendigerweise mit dem Sehenden vereinigt sein muss, kann das Wesen Gottes durch keine geschaffene Ähnlichkeit gesehen werden. Erstens, weil, wie Dionysius sagt (Div. Nom. i), „durch die Ähnlichkeiten der niederen Ordnung der Dinge das Höhere in keiner Weise erkannt werden kann“; so wie durch die Ähnlichkeit eines Körpers das Wesen eines unkörperlichen Dinges nicht erkannt werden kann. Viel weniger also kann das Wesen Gottes durch irgendeine geschaffene Ähnlichkeit gesehen werden. Zweitens, weil das Wesen Gottes Sein eigenes Dasein ist, wie oben gezeigt wurde (Frage [3], Artikel [4]), was von keiner geschaffenen Form gesagt werden kann; und so kann keine geschaffene Form die Ähnlichkeit sein, die das Wesen Gottes dem Sehenden repräsentiert. Drittens, weil das göttliche Wesen unumschrieben ist und in sich auf überragende Weise alles enthält, was vom geschaffenen Intellekt bezeichnet oder verstanden werden kann. Dies kann nun in keiner Weise durch irgendeine geschaffene Ähnlichkeit repräsentiert werden; denn jede geschaffene Form ist bestimmt gemäß irgendeinem Aspekt der Weisheit oder der Macht oder des Seins selbst oder irgendeines ähnlichen Dinges. Daher heißt zu sagen, dass Gott durch irgendeine Ähnlichkeit gesehen wird, zu sagen, dass das göttliche Wesen überhaupt nicht gesehen wird; was falsch ist.
Daher muss gesagt werden, dass, um das Wesen Gottes zu sehen, eine gewisse Ähnlichkeit in der Sehkraft erforderlich ist, nämlich das Licht der Herrlichkeit, das den Intellekt stärkt, Gott zu sehen, wovon in Ps 35,10 gesprochen wird: „In Deinem Licht werden wir das Licht sehen.“ Das Wesen Gottes kann jedoch nicht durch irgendeine geschaffene Ähnlichkeit gesehen werden, die das göttliche Wesen selbst repräsentiert, wie es wirklich ist.
Antwort auf Einwand 1: Jene Autorität spricht von der Ähnlichkeit, die durch die Teilhabe am Licht der Herrlichkeit verursacht wird.
Antwort auf Einwand 2: Augustinus spricht von der Erkenntnis Gottes hier auf Erden.
Antwort auf Einwand 3: Das göttliche Wesen ist das Dasein selbst. Daher, wie andere intelligible Formen, die nicht ihr eigenes Dasein sind, mit dem Intellekt mittels irgendeiner Entität vereinigt werden, wodurch der Intellekt selbst informiert und in den Akt gesetzt wird; so wird das göttliche Wesen mit dem geschaffenen Intellekt vereinigt als das aktuell verstandene Objekt, das den Intellekt durch und aus sich selbst in den Akt setzt.