I, q. 12 a. 6
Ob von denen, die das Wesen Gottes sehen, einer vollkommener sieht als ein anderer?
Quaestio 12 · Wie Gott von uns erkannt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass von denen, die das Wesen Gottes sehen, einer nicht vollkommener sieht als ein anderer. Denn es steht geschrieben (1 Joh 3,2): „Wir werden Ihn sehen, wie Er ist.“ Aber Er ist nur auf eine Weise. Daher wird Er von allen nur auf eine Weise gesehen werden; und daher wird Er nicht von einem vollkommener und von einem anderen weniger vollkommen gesehen werden.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (Octog. Tri. Quaest. qu. xxxii): „Eine Person kann ein und dasselbe Ding nicht vollkommener sehen als eine andere.“ Aber alle, die das Wesen Gottes sehen, verstehen das göttliche Wesen, denn Gott wird durch den Intellekt gesehen und nicht durch den Sinn, wie oben gezeigt wurde (Artikel [3]). Daher sieht von denen, die das göttliche Wesen sehen, einer nicht klarer als ein anderer.
Einwand 3: Ferner kann, dass etwas vollkommener gesehen wird als ein anderes, auf zwei Weisen geschehen: entweder aufseiten des sichtbaren Objekts oder aufseiten der Sehkraft des Sehenden. Aufseiten des Objekts kann es so geschehen, weil das Objekt vollkommener im Sehenden empfangen wird, das heißt, gemäß der größeren Vollkommenheit der Ähnlichkeit; aber dies trifft auf die vorliegende Frage nicht zu, denn Gott ist dem Intellekt, der Ihn sieht, nicht im Wege der Ähnlichkeit gegenwärtig, sondern durch Sein Wesen. Es folgt dann, dass, wenn einer Ihn vollkommener sieht als ein anderer, dies gemäß dem Unterschied der intellektuellen Kraft geschieht; so folgt auch, dass derjenige, dessen intellektuelle Kraft höher ist, Ihn klarer sehen wird; und dies ist unpassend; da den Menschen Gleichheit mit Engeln als ihre Glückseligkeit verheißen ist.
Dagegen spricht, Das ewige Leben besteht in der Schau Gottes, gemäß Joh 17,3: „Das ist das ewige Leben, dass sie Dich, den einzigen wahren Gott, erkennen“ usw. Wenn daher alle das Wesen Gottes im ewigen Leben gleichermaßen sähen, wären alle gleich; das Gegenteil dessen wird vom Apostel erklärt: „Ein Stern unterscheidet sich vom anderen an Herrlichkeit“ (1 Kor 15,41).
Ich antworte darauf, Von denen, die das Wesen Gottes sehen, sieht Ihn einer vollkommener als ein anderer. Dies findet in der Tat nicht so statt, als ob einer eine vollkommenere Ähnlichkeit Gottes hätte als ein anderer, da jene Schau nicht aus irgendeiner Ähnlichkeit entspringen wird; sondern es wird stattfinden, weil ein Intellekt eine größere Kraft oder Fähigkeit haben wird, Gott zu sehen, als ein anderer. Die Fähigkeit, Gott zu sehen, gehört jedoch nicht natürlich zum geschaffenen Intellekt, sondern wird ihm durch das Licht der Herrlichkeit gegeben, welches den Intellekt in einer Art „Gottförmigkeit“ festigt, wie aus dem hervorgeht, was oben im vorhergehenden Artikel gesagt wurde.
Daher wird der Intellekt, der mehr vom Licht der Herrlichkeit hat, Gott vollkommener sehen; und derjenige wird eine vollere Teilhabe am Licht der Herrlichkeit haben, der mehr Liebe (caritas) hat; weil dort, wo die größere Liebe ist, das Verlangen größer ist; und das Verlangen macht den Begehrenden in gewissem Grade geeignet und vorbereitet, das begehrte Objekt zu empfangen. Daher wird derjenige, der mehr Liebe besitzt, Gott vollkommener sehen und seliger sein.
Antwort auf Einwand 1: In den Worten „Wir werden Ihn sehen, wie Er ist“ bestimmt die Konjunktion „wie“ den Modus der Schau aufseiten des gesehenen Objekts, sodass die Bedeutung ist: Wir werden sehen, dass Er so ist, wie Er ist, weil wir Sein Dasein sehen werden, welches Sein Wesen ist. Aber es bestimmt nicht den Modus der Schau aufseiten des Sehenden; als ob die Bedeutung wäre, dass der Modus, Gott zu sehen, so vollkommen sein wird wie der vollkommene Modus von Gottes Dasein.
So erscheint die Antwort auf den zweiten Einwand. Denn wenn gesagt wird, dass ein Intellekt ein und dasselbe Ding nicht besser versteht als ein anderer, wäre dies wahr, wenn es auf den Modus des verstandenen Dinges bezogen würde, denn wer es anders versteht, als es wirklich ist, versteht es nicht wahrhaft; aber nicht, wenn es auf den Modus des Verstehens bezogen wird, denn das Verstehen des einen ist vollkommener als das Verstehen des anderen.
Antwort auf Einwand 3: Die Verschiedenheit des Sehens wird nicht aufseiten des gesehenen Objekts entstehen, denn dasselbe Objekt wird allen präsentiert werden – nämlich das Wesen Gottes; noch wird es aus der verschiedenen Teilhabe am gesehenen Objekt durch verschiedene Ähnlichkeiten entstehen; sondern es wird aufseiten der verschiedenen Fähigkeit des Intellekts entstehen, nicht in der Tat der natürlichen Fähigkeit, sondern der verklärten Fähigkeit.