I, q. 12 a. 8
Ob diejenigen, die das Wesen Gottes sehen, alles in Gott sehen?
Quaestio 12 · Wie Gott von uns erkannt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass diejenigen, die das Wesen Gottes sehen, alle Dinge in Gott sehen. Denn Gregor sagt (Dialog. iv): „Was sehen sie nicht, die Den sehen, der alle Dinge sieht?“ Aber Gott sieht alle Dinge. Daher sehen diejenigen, die Gott sehen, alle Dinge.
Einwand 2: Ferner, wer einen Spiegel sieht, sieht, was im Spiegel reflektiert wird. Aber alle aktuellen oder möglichen Dinge leuchten in Gott hervor wie in einem Spiegel; denn Er erkennt alle Dinge in Sich selbst. Daher sieht jeder, der Gott sieht, alle aktuellen Dinge in Ihm und auch alle möglichen Dinge.
Einwand 3: Ferner, wer das Größere versteht, kann das Geringste verstehen, wie in De Anima iii gesagt wird. Aber alles, was Gott tut oder tun kann, ist geringer als Sein Wesen. Daher kann jeder, der Gott versteht, alles verstehen, was Gott tut oder tun kann.
Einwand 4: Ferner verlangt die vernunftbegabte Kreatur natürlich, alle Dinge zu erkennen. Wenn sie daher im Sehen Gottes nicht alle Dinge erkennt, wird ihr natürliches Verlangen nicht befriedigt ruhen; so wird sie im Sehen Gottes nicht voll glücklich sein; was unpassend ist. Daher erkennt derjenige, der Gott sieht, alle Dinge.
Dagegen spricht, Die Engel sehen das Wesen Gottes; und doch erkennen sie nicht alle Dinge. Denn wie Dionysius sagt (Coel. Hier. vii), „werden die niederen Engel von Unwissenheit durch die höheren Engel gereinigt.“ Auch sind sie unwissend über zukünftige kontingente Dinge und über geheime Gedanken; denn diese Erkenntnis gehört Gott allein. Daher erkennt wer auch immer das Wesen Gottes sieht, nicht alle Dinge.
Ich antworte darauf, Der geschaffene Intellekt sieht im Sehen des göttlichen Wesens nicht alles darin, was Gott tut oder tun kann. Denn es ist offenkundig, dass Dinge in Gott gesehen werden, wie sie in Ihm sind. Aber alle anderen Dinge sind in Gott, wie Wirkungen in der Kraft ihrer Ursache sind. Daher werden alle Dinge in Gott gesehen, wie eine Wirkung in ihrer Ursache gesehen wird. Nun ist es klar, dass, je vollkommener eine Ursache gesehen wird, desto mehr ihrer Wirkungen in ihr gesehen werden können. Denn wer einen hohen Verstand hat, kann, sobald ihm ein demonstratives Prinzip vorgelegt wird, die Erkenntnis vieler Schlussfolgerungen sammeln; aber dies ist jenseits eines von schwächerem Intellekt, denn er bedarf dessen, dass ihm die Dinge separat erklärt werden. Und so kann ein Intellekt alle Wirkungen einer Ursache und die Gründe für jene Wirkungen in der Ursache selbst erkennen, wenn er die Ursache gänzlich begreift. Nun kann kein geschaffener Intellekt Gott gänzlich begreifen, wie oben gezeigt wurde (Artikel [7]). Daher kann kein geschaffener Intellekt im Sehen Gottes alles erkennen, was Gott tut oder tun kann, denn dies hieße, Seine Macht zu begreifen; aber von dem, was Gott tut oder tun kann, kann jeder Intellekt umso mehr erkennen, je vollkommener er Gott sieht.
Antwort auf Einwand 1: Gregor spricht in Bezug darauf, dass das Objekt ausreichend ist, nämlich Gott, der in Sich selbst alle Dinge ausreichend enthält und hervorzeigt; aber es folgt nicht, dass jeder, der Gott sieht, alle Dinge erkennt, denn er begreift Ihn nicht vollkommen.
Antwort auf Einwand 2: Es ist nicht notwendig, dass jeder, der einen Spiegel sieht, alles sieht, was im Spiegel ist, es sei denn, sein Blick begreift den Spiegel selbst.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl es mehr ist, Gott zu sehen, als alle anderen Dinge zu sehen, ist es dennoch eine größere Sache, Ihn so zu sehen, dass alle Dinge in Ihm erkannt werden, als Ihn auf solche Weise zu sehen, dass nicht alle Dinge, sondern weniger oder mehr, in Ihm erkannt werden. Denn es ist in diesem Artikel gezeigt worden, dass umso mehr Dinge in Gott erkannt werden, je nachdem Er mehr oder weniger vollkommen gesehen wird.
Antwort auf Einwand 4: Das natürliche Verlangen der vernunftbegabten Kreatur ist es, alles zu erkennen, was zur Vollkommenheit des Intellekts gehört, nämlich die Spezies und die Gattungen der Dinge und ihre Typen, und diese wird jeder, der das göttliche Wesen sieht, in Gott sehen. Aber andere Einzelheiten, ihre Gedanken und ihre Taten zu erkennen, gehört nicht zur Vollkommenheit des geschaffenen Intellekts, noch geht sein natürliches Verlangen auf diese Dinge aus; noch wiederum verlangt er, Dinge zu erkennen, die noch nicht existieren, die Gott aber ins Dasein rufen kann. Doch wenn Gott allein gesehen würde, der der Quell und das Prinzip allen Seins und aller Wahrheit ist, würde Er das natürliche Verlangen nach Erkenntnis so füllen, dass nichts anderes begehrt würde, und der Sehende wäre vollständig beseligt. Daher sagt Augustinus (Confess. v): „Unglücklich der Mensch, der all diese“ (d.h. alle Geschöpfe) „kennt und Dich nicht kennt! Aber glücklich, wer Dich kennt, auch wenn er diese nicht kennt. Und wer sowohl Dich als auch sie kennt, ist nicht glücklicher um ihretwillen, sondern um Deinetwillen allein.“