I, q. 12 a. 1
Ob irgendein geschaffener Intellekt das Wesen Gottes sehen kann?
Quaestio 12 · Wie Gott von uns erkannt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass kein geschaffener Intellekt das Wesen Gottes sehen kann. Denn Chrysostomus (Hom. xiv. in Joan.) sagt im Kommentar zu Joh 1,18 („Niemand hat Gott je gesehen“): „Nicht nur Propheten, sondern weder Engel noch Erzengel haben Gott gesehen. Denn wie kann eine Kreatur sehen, was unerschaffbar ist?“ Auch Dionysius sagt (Div. Nom. i), wenn er von Gott spricht: „Weder gibt es Sinneswahrnehmung, noch Bild, noch Meinung, noch Vernunft, noch Wissen von Ihm.“
Einwand 2: Ferner ist alles Unendliche als solches unbekannt. Gott aber ist unendlich, wie oben gezeigt wurde (Frage [7], Artikel [1]). Daher ist Er in sich selbst unbekannt.
Einwand 3: Ferner erkennt der geschaffene Intellekt nur existierende Dinge. Denn was zuerst unter die Auffassung des Intellekts fällt, ist das Seiende. Gott aber ist nicht etwas Existierendes, sondern Er ist vielmehr über-seiend, wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv). Daher ist Gott nicht intelligibel, sondern über allem Intellekt.
Einwand 4: Ferner muss es eine gewisse Proportion zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten geben, da das Erkannte die Vollendung des Erkennenden ist. Aber es existiert keine Proportion zwischen dem geschaffenen Intellekt und Gott; denn es besteht ein unendlicher Abstand zwischen ihnen. Daher kann der geschaffene Intellekt das Wesen Gottes nicht sehen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht: „Wir werden Ihn sehen, wie Er ist“ (1 Joh 3,2).
Ich antworte darauf, Da alles insoweit erkennbar ist, als es aktuell ist, ist Gott, der reiner Akt ohne jede Beimischung von Potenz ist, in sich selbst im höchsten Maße erkennbar. Was aber in sich selbst im höchsten Maße erkennbar ist, mag für einen bestimmten Intellekt aufgrund des Übermaßes des intelligiblen Objekts über den Intellekt nicht erkennbar sein; so wie zum Beispiel die Sonne, die im höchsten Maße sichtbar ist, von der Fledermaus wegen ihres Übermaßes an Licht nicht gesehen werden kann.
Daher vertraten einige, die dies bedachten, die Meinung, dass kein geschaffener Intellekt das Wesen Gottes sehen könne. Diese Meinung ist jedoch nicht haltbar. Denn da die letzte Glückseligkeit des Menschen im Gebrauch seiner höchsten Funktion besteht, welche die Tätigkeit seines Intellekts ist, würde folgen, wenn wir annähmen, dass der geschaffene Intellekt Gott niemals sehen könnte, dass er entweder niemals die Glückseligkeit erlangt oder dass seine Glückseligkeit in etwas anderem außer Gott besteht; was dem Glauben widerspricht. Denn die letzte Vollendung der vernunftbegabten Kreatur ist in dem zu finden, was das Prinzip ihres Seins ist; da ein Ding insoweit vollkommen ist, als es sein Prinzip erreicht. Ferner ist dieselbe Meinung auch gegen die Vernunft. Denn jedem Menschen wohnt ein natürliches Verlangen inne, die Ursache jeder Wirkung zu kennen, die er sieht; und daraus entsteht das Staunen in den Menschen. Wenn aber der Intellekt der vernunftbegabten Kreatur nicht bis zur ersten Ursache der Dinge reichen könnte, bliebe das natürliche Verlangen vergeblich.
Daher muss absolut zugestanden werden, dass die Seligen das Wesen Gottes sehen.
Antwort auf Einwand 1: Beide Autoritäten sprechen von der Schau des Begreifens (comprehensio). Daher schickt Dionysius unmittelbar vor den zitierten Worten voraus: „Er ist allgemein für alle unbegreiflich“ usw. Ebenso sagt Chrysostomus nach den zitierten Worten: „Er sagt dies von der gewissesten Schau des Vaters, welche eine so vollkommene Betrachtung und ein so vollkommenes Begreifen ist, wie der Vater es vom Sohn hat.“
Antwort auf Einwand 2: Die Unendlichkeit der Materie, die nicht durch Form vollendet ist, ist an sich unbekannt, weil alle Erkenntnis durch die Form kommt; wohingegen die Unendlichkeit der Form, die nicht durch Materie begrenzt ist, an sich im höchsten Maße bekannt ist. Gott ist auf diese Weise unendlich und nicht auf die erste Weise: wie aus dem hervorgeht, was oben gesagt wurde (Frage [7], Artikel [1]).
Antwort auf Einwand 3: Von Gott wird nicht gesagt, dass Er nicht existiert, als ob Er überhaupt nicht existierte, sondern weil Er über allem existiert, was existiert; insofern Er sein eigenes Sein ist. Daher folgt nicht, dass Er überhaupt nicht erkannt werden kann, sondern dass Er jede Art von Erkenntnis übersteigt; was bedeutet, dass Er nicht begriffen (umfassend erkannt) wird.
Antwort auf Einwand 4: Proportion ist zweifach. In einem Sinne bedeutet es ein gewisses Verhältnis einer Größe zu einer anderen, so wie doppelt, dreifach und gleich Arten der Proportion sind. In einem anderen Sinne wird jede Beziehung eines Dinges zu einem anderen Proportion genannt. Und in diesem Sinne kann es eine Proportion der Kreatur zu Gott geben, insofern sie auf Ihn bezogen ist als die Wirkung auf ihre Ursache und als Potenz auf ihren Akt; und auf diese Weise kann der geschaffene Intellekt proportioniert sein, Gott zu erkennen.