I, q. 12 a. 5
Ob der geschaffene Intellekt irgendeines geschaffenen Lichtes bedarf, um das Wesen Gottes zu sehen?
Quaestio 12 · Wie Gott von uns erkannt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass der geschaffene Intellekt keines geschaffenen Lichtes bedarf, um das Wesen Gottes zu sehen. Denn was in sinnlichen Dingen von sich aus leuchtend ist, erfordert kein anderes Licht, um gesehen zu werden. Daher gilt dasselbe für intelligible Dinge. Nun ist Gott intelligibles Licht. Daher wird Er nicht mittels irgendeines geschaffenen Lichtes gesehen.
Einwand 2: Ferner, wenn Gott durch ein Medium gesehen wird, wird Er nicht in Seinem Wesen gesehen. Aber wenn Er durch irgendein geschaffenes Licht gesehen wird, wird Er durch ein Medium gesehen. Daher wird Er nicht in Seinem Wesen gesehen.
Einwand 3: Ferner kann das, was geschaffen ist, irgendeiner Kreatur natürlich sein. Wenn also das Wesen Gottes durch irgendein geschaffenes Licht gesehen wird, kann ein solches Licht irgendeiner anderen Kreatur natürlich gemacht werden; und so würde jene Kreatur keines anderen Lichtes bedürfen, um Gott zu sehen; was unmöglich ist. Daher ist es nicht notwendig, dass jede Kreatur ein hinzugefügtes Licht erfordert, um das Wesen Gottes zu sehen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht: „In Deinem Licht werden wir das Licht sehen“ (Ps 35,10).
Ich antworte darauf, Alles, was zu dem erhoben wird, was seine Natur übersteigt, muss durch eine Disposition über seiner Natur vorbereitet werden; wie zum Beispiel, wenn Luft die Form von Feuer empfangen soll, sie durch eine Disposition für eine solche Form vorbereitet werden muss. Aber wenn irgendein geschaffener Intellekt das Wesen Gottes sieht, wird das Wesen Gottes selbst die intelligible Form des Intellekts. Daher ist es notwendig, dass dem Intellekt eine übernatürliche Disposition hinzugefügt wird, damit er zu einer so großen und erhabenen Höhe erhoben werden kann. Da nun die natürliche Kraft des geschaffenen Intellekts nicht ausreicht, ihn zu befähigen, das Wesen Gottes zu sehen, wie im vorhergehenden Artikel gezeigt wurde, ist es notwendig, dass die Kraft des Verstehens durch göttliche Gnade hinzugefügt wird. Nun wird diese Zunahme der intellektuellen Kräfte die Erleuchtung des Intellekts genannt, wie wir auch das intelligible Objekt selbst mit dem Namen Licht der Erleuchtung bezeichnen. Und dies ist das Licht, von dem in der Apokalypse (Offb 21,23) gesprochen wird: „Die Herrlichkeit Gottes hat sie erleuchtet“ – nämlich die Gemeinschaft der Seligen, die Gott sehen. Durch dieses Licht werden die Seligen „gottförmig“ gemacht – d.h. Gott ähnlich, gemäß dem Ausspruch: „Wenn Er erscheint, werden wir Ihm gleich sein, und [Vulg.: ‚weil‘] wir Ihn sehen werden, wie Er ist“ (1 Joh 3,2).
Antwort auf Einwand 1: Das geschaffene Licht ist notwendig, um das Wesen Gottes zu sehen, nicht um das Wesen Gottes intelligibel zu machen, welches von sich aus intelligibel ist, sondern um den Intellekt zu befähigen, auf dieselbe Weise zu verstehen, wie ein Habitus eine Kraft fähiger macht zu handeln. Ebenso ist körperliches Licht hinsichtlich des äußeren Sehens notwendig, insofern es das Medium aktuell transparent und empfänglich für Farbe macht.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Licht ist erforderlich, um das göttliche Wesen zu sehen, nicht als eine Ähnlichkeit, in der Gott gesehen wird, sondern als eine Vollkommenheit des Intellekts, die ihn stärkt, Gott zu sehen. Daher kann gesagt werden, dass dieses Licht nicht als ein Medium beschrieben werden soll, in dem Gott gesehen wird, sondern als eines, durch das Er gesehen wird; und ein solches Medium nimmt die unmittelbare Schau Gottes nicht weg.
Antwort auf Einwand 3: Die Disposition zur Form des Feuers kann nur dem Subjekt jener Form natürlich sein. Daher kann das Licht der Herrlichkeit einer Kreatur nicht natürlich sein, es sei denn, die Kreatur hätte eine göttliche Natur; was unmöglich ist. Aber durch dieses Licht wird die vernunftbegabte Kreatur gottförmig gemacht, wie in diesem Artikel gesagt wird.