III, q. 2 a. 10
Ob die Union der Menschwerdung durch Gnade stattfand?
Quaestio 2 · Von der Art der Vereinigung des fleischgewordenen Wortes
Einwand 1: Es scheint, dass die Union der Menschwerdung nicht durch Gnade stattfand. Denn Gnade ist ein Akzidens, wie oben gezeigt wurde (FS, Frage [110], Artikel [2]). Aber die Union der menschlichen Natur mit der göttlichen fand nicht akzidentell statt, wie oben gezeigt wurde (Artikel [6]). Also scheint es, dass die Union der Menschwerdung nicht durch Gnade stattfand.
Einwand 2: Ferner ist das Subjekt der Gnade die Seele. Aber es steht geschrieben (Kol 2,9): „In Christus [Vulg.: ‚Ihm‘] wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.“ Also scheint es, dass diese Union nicht durch Gnade stattfand.
Einwand 3: Ferner ist jeder Heilige durch Gnade mit Gott vereint. Wenn also die Union der Menschwerdung durch Gnade war, würde es scheinen, dass Christus nicht mehr Gott genannt wird als andere heilige Menschen.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Praed. Sanct. xv): „Durch dieselbe Gnade wird jeder Mensch zum Christen gemacht, vom Beginn seines Glaubens an, wie dieser Mensch von seinem Beginn an zu Christus gemacht wurde.“ Aber dieser Mensch wurde Christus durch Union mit der göttlichen Natur. Also war diese Union durch Gnade.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (FS, Frage [110], Artikel [1]), Gnade auf zwei Arten genommen wird: – erstens als der Wille Gottes, der etwas unentgeltlich verleiht; zweitens als die freie Gabe Gottes. Nun bedarf die menschliche Natur des unentgeltlichen Willens Gottes, um zu Gott erhoben zu werden, da dies über ihre natürliche Fähigkeit hinausgeht. Überdies wird die menschliche Natur auf zwei Arten zu Gott erhoben: erstens durch Operation, wie die Heiligen Gott erkennen und lieben; zweitens durch personales Sein, und diese Weise gehört ausschließlich Christus, in Dem die menschliche Natur so angenommen ist, dass sie in der Person des Sohnes Gottes ist. Aber es ist klar, dass für die Vollkommenheit der Operation die Kraft durch einen Habitus vervollkommnet werden muss, wohingegen die Tatsache, dass eine Natur Sein in ihrem eigenen Suppositum hat, nicht mittels eines Habitus stattfindet.
Und daher müssen wir sagen, dass, wenn Gnade als der Wille Gottes verstanden wird, der unentgeltlich etwas tut oder etwas als Ihm wohlgefällig oder annehmbar erachtet, die Union der Menschwerdung durch Gnade stattfand, so wie die Union der Heiligen mit Gott durch Erkenntnis und Liebe. Aber wenn Gnade als die freie Gabe Gottes genommen wird, dann kann die Tatsache, dass die menschliche Natur mit der göttlichen Person vereint ist, eine Gnade genannt werden, insofern sie stattfand, ohne dass irgendwelche Verdienste vorausgingen – aber nicht so, als ob es eine habituelle Gnade gäbe, mittels derer die Union stattfand.
Antwort auf Einwand 1: Die Gnade, die ein Akzidens ist, ist eine gewisse Ähnlichkeit der Gottheit, an der der Mensch teilhat. Aber durch die Menschwerdung wird nicht gesagt, dass die menschliche Natur an einer Ähnlichkeit der göttlichen Natur teilhatte, sondern sie wird gesagt, mit der göttlichen Natur selbst in der Person des Sohnes vereint zu sein. Nun ist das Ding selbst größer als eine teilgehabte Ähnlichkeit davon.
Antwort auf Einwand 2: Habituelle Gnade ist nur in der Seele; aber die Gnade, d.h. die freie Gabe Gottes, mit der göttlichen Person vereint zu sein, gehört zur ganzen menschlichen Natur, die aus Seele und Leib zusammengesetzt ist. Und daher wird gesagt, dass die Fülle der Gottheit leibhaftig in Christus wohnte, weil die göttliche Natur nicht bloß mit der Seele, sondern auch mit dem Leib vereint ist. Obwohl auch gesagt werden kann, dass sie leibhaftig in Christus wohnte, d.h. auf drei Arten, so wie ein Körper drei Dimensionen hat: erstens durch Wesenheit, Gegenwart und Macht, wie in anderen Geschöpfen; zweitens durch heiligmachende Gnade, wie in den Heiligen; drittens durch personale Union, was Christus eigen ist.
Daher ist die Antwort auf das dritte offensichtlich, nämlich weil die Union der Menschwerdung nicht durch habituelle Gnade allein stattfand, sondern in der Subsistenz oder Person.